Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 216 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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strenge Normierung ihrer gesamten Lebensführung einen eigenen Farbenton an, dessen religiös abgestimmte Gesinnung vor allem dazu beitrug, ihren Familiensinn zu vertiefen und zu beleben. In unseren Tagen dagegen untergräbt der auf den verschiedensten Gebieten des Kulturlebens entfesselte und alles Bestehende schrankenlos niederreißende Individualismus den gesellschaftlichen Zusammenhalt bis zu seiner atomisierenden Zersplitterung. Die Auseinandersetzung mit seinen verschiedenartigen Tendenzen und vor allem die moderne Wirtschaftskultur saugt unsere Kräfte so völlig auf, daß sie den einzelnen vielfach auch aus seinem natürlichen Zusammenhange loslöst. Diese auf ihm lastende Schwere wird durch das überhitzte Tempo im Hürdenrennen des Lebens noch angefeuert, bei dem trotz aller Nüchternheit unserer Tage oft doch nur der Extrabratwurst nachgejagt wird, von der uns schon das alte deutsche Märchen zu erzählen weiß. Dabei drohen die in atemloser Hast ohne innern Ausgleich sich überstürzenden technischen Fortschritte den unter ihrem Zwang am Sinn des Lebens und der Vernünftigkeit ihres eigenen Schicksals Verzweifelnden all ihr Schaffen zwischen ihrem unaufhaltsam forttreibenden Räderwerk zu zermalmen. Dies alles verschuldete die entseelende Verherdung der Massen, deren beste Kräfte brachgelegt werden, und nach solchem Erliegen der Gesellschaft unter der Übermacht der von ihr selbst geschaffenen Technisierung beginnt die einbrechende Verwahrlosung der Sitten auch die Grundlage unsres Familienlebens zu unterwühlen. Dem einzelnen wird sein Bestehen und Fortkommen dadurch nur noch mehr erschwert, denn die Überlegenheit der herrschenden Anschauungen gegenüber den nachgeordneten Schichten, das gesellschaftliche Übergewicht oder körperliche Vorzüge sind beim Zusammentreffen mit andern oft von entscheidender Bedeutung. Die snobistische Abweisung oder ausbeuterische Anbiederung durch solche, die inmitten der hochgesteigerten Ansprüche unsres gar vielfältig zusammengewobenen Gesellschaftsgetriebes achtlos so so unbekümmert wie Robinson Crusoe allein mit seinem getreuen Freytag auf seinem weltentlegenen Eiland, nur ohne seine Unbequemlichkeiten hinleben möchten, müssen oft erst durch gesetzliches Eingreifen oder die Ellbogen der anderen an die Rücksichten gemahnt werden, die auch diese für sich zu beanspruchen haben, 216