Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei · 1932-03-01 · 3 (März 1932) · p. Seite 211

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
Volume
2 (1931-1932)
Issue
3 (März 1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 211 (sequence 49)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2416673-2416680-2416684--0549-2417269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus dem Untersuchungsprotokoll sticht der zügellose willkürliche Charakter des Grafen noch greller, als aus der von den Juden gegen ihn eingegebenen Klageschrift hervor. Trotz dem mit der Gemeinde abgeschlossenen Vertrage nahm er ihr das kontraktmäßig verpachtete Spital- und Fremdenherberge- Gebäude (= tSHpfi ) weg, gab ihr dafür ein schlechteres und forderte für dieses einen noch größeren Pachtzins. Die Sabbathschnur (= yny ), welche die Gemeinde laut Vertrag an dem Schloßgebäude befestigen dürfte, ließ der Graf mehreremals durchschneiden. Einen Glaubensgenossen, den der Rabbiner wegen religiöser Vorgehen in Bann (= D*1H ) — wahrscheinlich nur in den kleinen Bann — legte, mußte man wegen gewaltsamen Eingreifens des Grafen wieder vom Banne befreien. Der Graf schickte nämlich einen Trabanten mit dem Befehle in die Synagoge, so lange dort zu bleiben, bis man seinen, mit dem B<ann belegten Juden nicht wieder losgesprochen. Den von der Gemeinde gewählten Kantor setzte der Graf ab und setzte in das Vorbeteramt einen anderen, vor der Taufe stehenden Juden ein. Einen Juden, namens Lazarus, rief der Graf einmal zu seinem Schloßfenster, worauf der Kammerdiener, der Trabant, der Kutscher und noch andere Leute des Grafen den armen Juden mit Steinen gefüllten Schneeballen so bewarfen und schließlich so unbarmherzig hin- und herzerrten, daß er 6 Tage nachher starb. Dieser grausamen Szene — welche wahrscheinlich der Graf selbst veranstaltete — sah er mit einem wahren Gaudium zu. Übrigens kann ein Jude nie, selbst auch anläßlich einer Beerdigung nicht, vor dem gräflichen Kastel vorüber gehen, ohne daß er von Seite der gräflichen Familie attakiert würde. Auch daß der Graf den jüdischen Richter Jakob Benjamin, auch Jakob Wolf genannt, mittels einer durch Elias Moses geschickten schweren Drohung gezwungen habe, dem Richteramte zu entsagen, wurde sowohl von Elias Moses, als auch von Jakob Hersehl bestätigt. So wurden alle gegen den gräflichen Grundherrn erhobenen Klagen vor der Untersuchungskomission erwiesen. Das ganze Ergebnis dieser Untersuchung war, daß Maria Theresia fast ein Jahr später anordnete, daß der Graf betreffs des 211

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.