Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 3 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 196 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Kruzifix, das ihm der Quardian vor den Mund hielt, begierig, daß . das Blut von seiner verstümmelten Zunge darauf kleben blieb. Unterdes war der Stadtdechant, von einem reitenden Boten geholt, herbeigekommen und erteilte dem vor Schmerzen immer matter werdenden armen Sünder das Sakrament der Taufe, wobei er ihm den Namen Johannes gab, weil der zu Roß anwesende kaiserliche Rittmeister Johannes Schurz auf Ersuchen des Dechants aus Barmherzigkeit die Patenstelle übernommen hatte. Darnach wurde der Getaufte aufs Rad geflochten und von unten auf langsam mit etlichen zwanzig Schlägen vom Leben zum Tode gebracht. Die auffallende Sinnesänderung des gemarterten Juden, der sich vorher in der Verachtung des Christengottes nicht genug hatte tun können und nun so eifrig das Christentum begehrte, auch mit den Worten „Jesus, dir sterbe ich", seinen Geist aufgab, wurde als ein großes Wunder angesehen und vermehrte den Ruhm des getöteten Christenkindes, das nach wahrer Christensitte seine grausame Ermordung dadurch gerächt habe, daß es durch seine Fürsprache bei Gott die ewige Rettung des Mörders erwirkte. Darum und weil allerlei Wunderzeichen am Grabe des Kindes gesehen wurden, grub man seinen Leichnam aus und setzte ihn einbalsamiert und umhüllt von einem mit Perlen und Edelsteinen besetzten Kleide in einem rotsamtenen Särglein in einer Nische beim Hochaltar der Dekanalkirche bei und oberhalb der Nische wurde eine vom Kaiser Ferdinand III. selbst verfaßte Grabschrift in lateinischen Versen auf einer Marmortafel in die Wand eingelassen. Der Leichnam des armen Sünders aber verblieb, wie er auf das Rad geflochten war, außerhalb der Richtstätte unter freiem Himmel, der Sonne und allem Wetter ausgesetzt, einige Jahre lang. An ihm betätigte sich dei Aberglaube des Volkes. So wissen wir aus dem Berichte über ein Verhör beim Bürgermeisteramte vom 31. Mai 1653, daß ein Pohliger Untertan, namens Adam Kreißl, gesehen wurde, wie er auf das Hochgericht zuging, beim Rade mit dem Juden stehen blieb und etlichemale mit dem Stock auf den Leichnam schlug. Er erklärte, es sei dies zu keinem bösen Zwecke geschehen, sondern nur, * damit sein Weib, das bereits übers Jahr am Fieber krank liege, davon gesunden möge. Und am 26. Jänner 1654 fand eine kommissionelle Besichtigung der Richtstätte statt, weil das Gerücht umging, daß des Juden und eines Gehenkten Leib beraubt und verstümmelt 196