Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 1 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 77 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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Kirche konnte die Menge nicht fassen, sie füllte den weiten Ring. An der hohen Pforte derselben stand, gesenkter Augen, totblaß, die Haare aufgerollt, in weißem seidenen Kleide, den Rücken der Kirche zugekehrt, das schöne Judenmädchen. Alle staunten sie an, es herrschte eine lautlose Stille. Da erklangen die Kirchenglocken und der Bischof Qraf Trautmannsdorf, mit Inful und Tiara angetan, von Geistlichen, alle in feierlichem Ornate, gefolgt, reichte der zu Taufenden ein Cruzifix, das sie knieebeugend empfing und an die Brust drückte; sie folgte dem geistlichen Zuge zum Hochaltar. Dort traten ihre Paten zu ihr: die Schwester des Bischofs Aloysia Barbara Kinsky und ihr Gatte Graf Philipp Kinsky. Die Taufhandlung begann und wurde mit allem Pompe zu Ende geführt. Während die Kirchenglocken läuteten, um die Bevölkerung zur feierlichen Taufe der Tochter zu laden, saß ihre Mutter auf der Erde mit zerrissenem Oberkleide und um sie her ihre Kinder. Denn wenn ein Sohn oder eine Tochter vom Judentume abfällt, müssen die Eltern um das Kind, wie um einen Toten trauern. So saß Marianne Fränkl und ihre Familie sieben Tage lang auf der Erde und betrachtete stumm den Riß an ihrem Kleide. Bald nach ihrer Taufe wurde Aloysia Barbara, wie sie jetzt nach ihrer Patin hieß, dem von ihr heiß geliebten Manne angetraut. Nie wieder durfte sie die Schwelle ihres mütterlichen Hauses* betreten, und, während ihre Geschwister in späteren Jahren mit ihr verkehrten, — das Auge der Mutter hat die Tochter nicht wieder gesehen. Sie hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Diesen Enkeln wendete die Großmutter zärtliche Liebe zu, ihren Vater haßte sie, dessen Gattin hielt sie streng, unversöhnt fern. Von diesen Kindern wurde in meiner Knabenzeit ein nicht unbedeuteder Einfluß auf meine Bildung geübt. Die Familie Schenda wohnte am unteren Ende des Ringes neben dem Torbogen in einem kleinen Hause, das nur zwei Stuben besaß. Zu ebener Erde weilte und waltete die Hausfrau und an einem der beiden nach der Straße schauenden kleinen Fenster saß die greise Mutter Schendas, immer Federn schleißend, schweigend, mit dem Haupte zitternd. Ich habe sie nie anders gesehen. Im ersten Stockwerke, das der Herr des Hauses bewohnte, war eine ebenfalls zweifenstrige Stube mit einem Geist und Fantasie anregenden Hausrate voll gepfropft. An den Wänden hingen seltene Kupferstiche, 77