Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 2 (1931-1932)
- Issue
- 1 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 75 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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deren Familie angehöre. Sie hielt ein Tuch in den Händen und stickte, während sie dem blutigen Schauspiele zusah, eine blutrote Rose hinein. Wie hätte sie ahnen können, die Zehnjährige, daß sie nach zehn Jahren für den Blutübergossenen, fast sterbenden, stöhnenden Mann in heißer Liebe entbrennen und seine Gattin werden werde. Dieses Mädchen war die jüngste Schwester meines Vaters; sie hieß Fradel (korrumpiert Freude) und wurde Fanni genannt. Der Name des Mannes, der Spitzruten lief, war Johann Schenda. Seine Mutter Veronika, eine geborene Postl, gehörte der Familie jenes rätselhaften Postl an, der als Sealsfield sich einen unvergänglichen literarischen Namen erschrieben hat. Veronika war eine Tochter Josef Postls und an einen Johann Schenda verheiratet, der in dem kleinen, bei Chrast gelegenen Dörfchen Chraschitz eine bischöfliche Branntweinbrennerei in Pacht genommen hatte. Aus dieser Ehe stammten zwei Söhne, deren einer der eben geschilderte, gegeißelte Mann war. Da es vielleicht der Forschung über die Familie Sealsfield dient, sei hier der weiteren Verwandschaft der Veronika gedacht. Einer ihrer Brüder war Förster in Znaim; als Gerber in dem Chrast anliegenden Dorfe Podlazitz lebte ein zweiter, dessen Söhne und Enkel nach Amerika auswanderten, vielleicht um einen Verwandten (Sealsfield?) aufzusuchen. Ein dritter Bruder der Veronika eignete sich eine höhere Bildung an, bekleidete, nach vollendeten Studien, eine kaiserliche Direktorstelle in Brünn und wurde ein wohlhabender Hausbesitzer daselbst. Dieser nahm seinen Neffen Johann, einen frisch blühenden, geistig begabten Knaben zu sich nach Brünn, ließ ihn daselbst die Schulen besuchen und, da er besonders im Zeichnen und Schönschreiben sich hervortat, zu einem Feldmesser, wie damals die Ingenieure genannt wurden, ausbilden. Nach einer siebenjährigen Studienzeit kehrte Johann Schenda in seine Heimat zurück und wurde in dem seinem Geburtsdorfe nahen Rossitz vom Fürsten Kinsky, dem die Herrschaft gehörte, als Wirtschaftsbeamter angestellt. Die Ursache ist unbekannt oder vergessen, warum er das Amt aufgab und sich als gemeinen Soldaten anwerben ließ, um bald darauf zu desertieren und sich ins Elternhaus in Chraschitz zu flüchten. Hier wurde er ausgeforscht und wir sahen den Deserteur zehnmal Spitzruten laufen. Als bald darauf sein Vater starb, ver- 75