Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 4-5
- Article
- Rischon-le-Zion
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 3)
- Language
- German
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Aber der Absatz, für den Aegypten, Konstantinopel, Russland, Deutschland und die Vereinigten Staaten in Betracht kommen, hielt mit der Produktion nicht Schritt; der Wein lagerte in den Kellern oder musste unter dem Preise abgegeben werden. Das führte in Rischon Lezion wie in den andern weinbauenden Kolonien zu einer Geschäftskrisis,' deren Ergebnis war, dass der bisherigen Weinkultur eine Reihe von Nebenkulturen zur Seite trat. Es gedeihen jetzt in Rischon über 20000 Maulbeerbäume, die für die Seidenraupenzucht verwendet werden, ausserdem Orangerien und Fruchtbaumpflanzungen, wie Mandeln, Oliven, Feigen, Aepfel, Granatäpfel, Zitronen, Ethrogim u. s. w.; Geranium- Anlagen dienen zur Parfümerzeugung, und die auf den Dünen angepflanzten Eukalyptushaine saugen die Fiebermiasmen auf und beugen der Malaria vor. Auch der Gemüsebau "Wird immer weüer ausgedehnt. Jede Familie in der Kolonie bewohnt ein Steinhaus mit Blumen- und Gemüsegarten und besitzt Pferd und Wagen und wenigstens eine Kuh und etwas Geflügel. Die Häuser sind meist zweistöckig und mit Balkons versehen, ihr Wert beträgt, abgesehen von den Kellereien, fasst eine Million Francs. Die Hauptstrassen, unter denen wir eine Rothschild-, eine Pinsker-, eine Herzl-, eine Jerusalemer Strasse bemerken, sind breit, sauber und gedämmt Däs Ganze macht einen einnehmenden, modernen Eindruck, sodass ein Kritiker vom zweiten Zionisten-Kongress, der auf Grund einer Orientierungsreise Bericht über den Zustand des jüdischen Palästina erstattete und sehr vieles zu bemängeln fand, sagt: „Die meisten jüdischen Kolonien üben durch ihr Äusseres auf den Besucher einen ungemein günstigen Eindruck aus. Kaum vermag man sich die Differenz vorzustellen, die zwischen einem arabischen Dorfe mit den eng nebeneinander aufgebauten Lehmhütten und einem jüdischen mit den schmucken Häusern, den breiten Strassen und Alleen, den zahllosen Eukalyptusbäumen und grossartigen Anlagen, besteht. Und ich muss es gestehen, dass mein Herz vor Freude pochte, als ich durch die wunderschöne, wahrhaft ländliche Kolonie Rischon Lezion wanderte und die kolossalen Weinpflanzungen betrachtete." Die Verwaltung war allmählich fast ganz an die Rothschildsehen Beamten übergegangen, nicht gerade zum Segen der Rischoner Bevölkerung — es muss aber zwischen der nicht immer einwandfreien Verwaltung und den uneigennützigen Beweggründen des Barons scharf geschieden werden. Die Abhängigkeit, die Bevormundung und die ständige Unterstützung seitens der Administration haben die Selbständigkeit und Tatkraft der Kolonisten eher lahmgelegt als gefördert. Und die Entwickelung jüngerer, „nichtbaronscher" Kolonien, d. h. solcher, die nicht „unter dem Baron" standen, sondern aus eigener Kraft sich zu einer Existenz hindurchringen mussten, hat es bestätigt, wie die freie Kolonisation viel schnellere und sichere Fortschritte bringt, als die unter einer Verwaltung stehende. Immerhin kommen die Kolonisten mehr und mehr dahin, ihre Schuldsummen abzutragen 84