Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 4-5
- Article
- Beiträge zur Geschichte der Besiedlung Palästinas durch Juden
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
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Denn die VorgängeT die sich in Konstantinopel abspielten, hatten nur eine entfernte Beziehung zu den inneren Erlebnissen der russisch-jüdischen Palästinenser. Die in ihren Reihen herrschende gehobene romantische Stimmung fühlte sich von den Beschlüssen und der Stellungnahme der Pforte vorläufig emanzipiert. Ihr Ideal war zu neu, ihre Sehnsucht so überwältigend, die Zukunft, die sie sich malten, bestrickend schön, die Ausführbar-. keit obligatorisch, und sie kümmerten sich weit mehr als um den Willen Konstantinopels um die Seelen der Juden. Die palästinafreundliche Journalistik (innerhalb des russischen Reiches insbesondere durch Lilienblum vertreten) ventilierte in verschiedenen Variationen den Gedanken, dass fast alle Juden im Laufe eines Jahrhunderts das ungastliche Europa verlassen und Palästina besiedeln möchten, der jugendliche Frag sang in ergreifenden Weckliedern vom Heimweg und vom „Donnerruf der Auferstehung" und von Idealen durchdrungene Jünglinge verliessen Studium und Beruf, um der Scholle die Wiedergeburt des Volkes abzuringen Während eine Partie solcher begeisterter Jünglinge nach Amerika sich begab, um dort „am Mississippi" durch Bodenbearbeitung die Produktionskraft des jüdischen Volkes zu heben, wandte sich der Hauptteü dieser ehemaligen Studenten, Gymnasiasten und ihnen nahestehenden Elemente, von nationalen Wiederbelebungswünschen getragen und von sozialistischen Vorstellungen angehaucht, Palästina zu. Doch wer hat von diesen jugendlichen Pionieren der Palästinakolonisation, den „Bilu", nicht gehört, falls er sich je für jüdische Kolonisationsprobleme interessiert hat? Nicht was sie geschaffen, sondern was sie empfunden und in jahrelanger Opferbereitschaft erlebt haben, bildet ein wundersames Kapitel idealistischen Tuns*). Die »Bilu* war der prägnanteste Ausdruck des Heimgefühls, das in jener Epoche einen erheblichen Teil der Juden erfasst hat. So war es* schon vor dem Auszug dieser Jünglinge nach «Altneulandu geschehen, daß die in Petersburg mit Talent herausgegebene Zeitschrift „Rasswet", nachdem sie sich durch viele *) Es ist übrigens zugleich, von einem gewissen Interesse, dass gerade diese „Schwarmgeister", von den russischen Palästinensern damals wohl die einzigen, zu Anfang den Versuch gemacht haben, zu ihrem Kolonisationsunternehmen die Zustimmung der Türkei zu erlangen. Mehrere ihrer Vertreter begaben sich nach Konstantinopel und wussten Osman Pascha, an den sie Empfehlungen hatten, zu bewegen, dass er sich für sie verwendete. Er riet ihnen, an den Sultan ein Gesuch zu richten, und übernahm es, für ihre Zwecke — offizielle Gestattung der Palästinakolonisation und Zuweisung von Landanteilen aus dem Kronbesitz an die Einwanderer — ein Spezialirade zu erlangen. Nachdem sodann die Bilujünger vom Grossvezier mehrmals empfangen worden waren, wurde von ihm an die Privilegiengewährung die Bedingung geknüpft, dass das russische Ministerium des Auswärtigen ein Zeugnis ausstellen sollte, wonach die Einwanderer allen ihren Verpflichtungen gegenüber dem russischen Staate nachgekommen wären. Da auf ein derartiges Zeugnis seitens der judenfeindlichen russischen Regierung nicht zu rechnen war, so gaben die Büuvertreter die Unterhandlungen auf und begaben sich zu ihren Genossen, die bereits in Palästina tätig waren. Siehe: Birkenheim, Die Kolonisationsbewegung der russischen Juden, Wos'chod, 1895, IVb, S. 15 f. 81