Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 4-5
- Article
- Beiträge zur Geschichte der Besiedlung Palästinas durch Juden
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
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Ist es in Bezug auf Casalette nicht feststehend, welche Motive, ob philantropische oder kommerzielle, seine Bestrebungen hervorgerufen haben, so herrscht hinsichtlich der Wirksamkeit seines Volksgenossen Laurence Oliphant nicht der geringste Zweifel. Aus jenen aufgeregten Tagen hebt sich überhaupt die einnehmende Gestalt dieses Nichtjuden in erfreulicher Weise ab. Jahrelang hatte sich dieser Mann mit dem Problem der Judenmassen einerseits, mit dem Palästinaproblem andererseits befasst. Noch vor den russischen Pi ogromen war in ihm der Plan von der Restaurierung Israels in der alten Heimat gereift. Und er beschloss, seine ganze Kraft d eser Idee zu widmen. Ueber Palästina, das er kannte, schrieb er ein Buch und propagierte seinen Plan sowohl unter den Juden als beim Sultan, bei dem er sich bald eines hohen Ansehens erfreute. Von Beaconsfields starker Hand unterstützt, vermochte er es in den Konstantinopeler politischen Sphären sehr schnell zu starker Autorität zu gelangen. Trotzdem hatte sein Eifer keinen Erfolg: das Ministerkomitee behauptete, dass der Sultan seinen Plänen die Einwilligung versagte, dieser hingegen versicherte ihm bei einem gemeinsamen Mittagessen, dass Oliphants Vorhaben nur auf den Widerstand des Ministerkomitees stosse. Oliphant verhielt sich nun ganz „undiplomatisch", deckte die Karten auf und schrieb voll Zorn über die türkischen Verhältnisse eine sehr wegwerfende Kritik, wodurch er sich die Möglichkeit einer weiteren Arbeit verscherzte. Denn er wurde in der Türkei einer der verhasstesten Männer. Eine Zeitlang dann abseits stehend, tauchte er wieder auf, als die Hilfsaktionen für die russischen Juden begannen. Er suchte eine Annäherung an die jüdischen Massen und ging nach Lemberg und Brody, wo, von der allgemeinen Progrompanik getrieben, etwa 15000 Flüchtlinge sich angesammelt hatten. Von der Menge enthusiastisch gefeiert, kehrte er zu seinen früheren Palästinaplänen zurück und suchte, da er selbst in Konstantinopel nicht mehr persona grala war, das Casalette'sche Unternehmen in jeglicher Weise zu stützen. Bei dieser Gelegenheit stellte es sich laut englischen Zeitungsversicherungen heraus, dass sein Fiasko vornehmlich auf einen ganz bestimmten Grund zurückzuführen war: die türkische Regierung habe zu diesem die Juden angehenden Vorhaben eines Christen eben darum kein Vertrauen gehabt, weil die Vertreter der Juden durch nichts ihre Solidarität mit seinen grossartigen Kolonisationsprojekten dokumentiert hätten. Ob diese Erklärung der Wirklichkeit entspricht oder nicht, können wohl nur die wenigen eingeweihten Personen jener Tage beurteilen. Tatsache aber ist, dass die betreffenden Bestrebungen zwar von der englischen und der amerikanischen Diplomatie eine Förderung erfahren, die in in der offiziellen Welt eine Rolle spielenden Juden aber sehr kalt gelassen haben; waren doch sogar die englischjüdischen Vertreter im Mansion-House- Komitee trotz aller Bemühungen Oliphants Gegner der Palästinaidee, die zu jener Zeit auch von keiner hervorragenden Organisation der jüdischen Massen repräsentiert wurde. 80