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Palästina · 1912-01-01 · Heft 11-12 · p. Seite 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 11-12
Article
Reise durch Jemen
Date
1912-01-01
Page
Seite 249 (sequence 3)
Language
German
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diesem Erdboden auferbaut hat unter Opfern und vieler Mühe — die neuen Ansiedlungen, darüber mußte man sich etwas weiter auslassen. Und wenn in den nördlichen Golusländern irgend ein Jude, wenn er die' Zeitungen und neuen Schriften liest über Palästina und alles was sich darin regt in Gedanken und Wirklichkeit, und sich dies doch nicht real vorstellen kann, und wenn er in das Land kommt, sich wie in einer neuen Welt erblickt — umsomehr, wenn ein Mensch mit einem Male den Weg von Jahrhunderten zusammenzieht, der die Gedanken über das Land trennt von der Wirklichkeit. Was konnte ich also geben? Einen Tropfen aus dem Meere. Aber einen Tropfen Wahrheit. Uebertreibungen und falsche Versprechungen konnte man von mir nicht hören. In dem Schreiben, das ich von den Hauptorten in die umgebenden Dörfer schicken ließ und die ich auch fast überall verlas, erzählte ich von den wirklichen Lebensbedingungen im Lande: daß der Arbeiter zuerst nicht mehr als einen Franc pro Tag verdient und höchstens nach längerer Zeit und Ausdauer bis zweieinhalb Francs erwarten kann. Hier, wo der Lohn des einfachen Arbeiters nur 25 bis 30 Centimes im Tag beträgt, kam bald die Hoffnung, sich zu bereichern, auf die Tagesordnung. Man fragte mich allerdings auch nach der Höhe der Ausgaben und der möglichen Ersparnisse. Ich pflegte ungefähr so zu antworten : Genug, wenn man, besonders in den ersten Jahren, sich von seiner Hände Arbeit, auch ohne Ersparnisse, ernährt. Ich bin aber dessen sicher, daß eine zweite und dritte Generation sich wird Häuser erwerben und Weinberge pflanzen können aus eigenem Gelde. So ließ ich sie auch nicht im Irrtum in der Frage des Militärdienstes. Manchmal fragte ich sie : ihr dünkt euch „frei", seid ihr nicht an alles geknechtet? Sind euch eure Häuser und Gräber so teuer, daß ihr sie um keinen Preis verlassen wollt? Ich schilderte ihnen auch ihr eigenes Leben, gewöhnlich mit einem Worte: „Golus". Fern vom Lande ihrer Väter, losgerissen vom Boden, dienstbar einem anderen Volke. Und deren Lebenseinkünfie nur gerade hinreichen, um zweimal im Tage Durrha zu essen und Kaffee mit Pfeffer zu trinken (und nur an Sabbaten und Freudentagen Fleisch zu genießen), um sich notdürftigst zu kleiden und in Häusern zu wohnen ohne Diele und mit kleinen Löchern an Stelle der Fenster. Und trotzdem — wie betrübend erscheint dies — empfinden diese Menschen ein Bedürfnis nach Schmuck, nach Schmuck der Weiber und Kinder. Darüber sprach ich mit Aerger und Bitterkeit zu den kleinwüchsigen, armseligen Weibern : „Werfet diese Blechstücke von euch! Verkauft sie lieber und gebet das Geld Euren Männern zur Fahrt nach Erez Israel! Besser dafür Kissen und Decken und reine Hemden für ihre Kinder zu kaufen als euch mit diesen Silberflittern zu behängen." Sie blickten staunend mich an. Und die Männner trinken an Freudenfesten viel Wein und Branntwein, um ihre Armut zu vergessen, oder lernen im Sohar und in anderen Büchern — ohne Verständnis und freuen sich dabei ihres Teils und fühlen sich glücklich. 249

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