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Palästina · 1912-01-01 · Heft 9-10 · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 9-10
Article
Strömungen in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 208 (sequence 6)
Language
German
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und schweren Bedrängnissen, unter denen sie in ihrem Wohnlande dahinsiechen, wo sie völlig vogelfrei sind. Schade, wenn sich die Jemeniten mit unseren Juden vermengen und ihre natürliche Prägung verwischen sollten! Gegenwärtig gründen sie sich überall in Palästina besondere Wohngruppen, aber ihre jungen Leute neigen dahin, sich uns anzunähern und von uns natürlich das Schlimme eher als das Gute anzunehmen. Ein Schriftsteller in Palästina regt einen schönen Gedanken an : für die Jemeniten eine besondere Kolonie zu bauen, damit sie sich in ihrer Eigenart samt allen ihren Lebensgebräuchen erhalten können als ein typischer Einschlag, als ein Rest aus alten Zeiten. In Wirklichkeit können die Jemeniten ein lebendiges Bild darstellen eines alten Judentums aus dem Mittelalter oder selbst eines Judentums aus der Zeit des Talmud. Ihre Lebensgewohnheiten und häuslichen Bräuche sind noch nicht erforscht: sie könnten vielleicht als Grundlage dienen für die Erforschung des Lebens des alten Judentums. Diese Menschen verdienen es, daß wir uns um ihre materielle nnd geistige Lage bekümmern, denn sie geben auch ein gutes Element von Menschen für die Kolonisationsarbeit im Lande. Sie sind die natürlichsten und geeignetsten jüdischen Arbeiter, mit Wenigem zufrieden, an das Klima angepaßt und sie sind imstande, mit den Arabern in Konkurrenz zu treten, Erblickst du nun dieses bedrückte und zerbrochene Judentum an der zentralen Stätte des Volkstum, dann mußt du, :ohne es zu wollen, stehen bleiben und dich selber fragen : „Das geistige Zentrum", wo ist es? Ein zentrales, ein palästinensisches Judentum suchte ich hier und fand es nicht. Es gibt hier, wie wir sahen, ein Judentum aus allen Arten, aus allen Ländern des „Golus", eine „Sammlung der Verbannten" im eigentlichen Sinne. Aber ein ursprüngliches Judentum, das den Sauerteig bilden könnte für alle Länder, ein Judentum eigenen Duftes, eigener Gestalt, ist bis jetzt nicht sichtbar geworden. Warum tritt gerade hier die Zerschmetterung und Zerstücklung in solchem Grade hervor? Ich finde hiefür zwei Ursachen : die eine, daß die meisten Ansiedler irgendwie geistige Menschen sind, die hieher nicht nur wegen materieller Versorgung kamen, sondern nur eines geistigen Gedankens willen. Jeden von ihnen kostete sein Herkommen eine gewisse Hingabe, denn es ist keine leichte Sache, die europäische Zivilisation und die Annehmlichkeiten des gewohnten Lebens zu verlassen und sich in einem Lande anzusiedeln, das noch nicht kultiviert ist, darin viele von jenen Lebensbedürfnissen, die für europäische Menschen Notwendigkeiten sind, fehlen. Und weil wieder jeder Einzelne für s e i n Ideal Opfer gebracht hat, wird ihm 'dieses teuer wie sein Leben, und er will nichts davon nachlassen. So ist es mit den Vertretern der verschiedenen Anschauungen, auf denen sie beharren. Die zweite Ursache ist die, daß Palästina noch vom Ausland seine Nahrung zieht, daß es abhängt, von dem Machtspruche von Versorgern, Kassieren und Verwaltern aller Arten und aller Systeme. Jedes System im Lande hat seinen Engel im Ausland, der darauf schlägt: „Wachse," Deshalb muß sich das Judentum in alle möglichen Gestalten wandeln und kann nicht in natürlicher Entwicklung vorwärtskommen, sondern nach jenen Prägungen, die man ihm von draußen gibt. Richtig wäre es, daß das 206

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