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Palästina · 1912-01-01 · Heft 9-10 · p. Seite 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 9-10
Article
Strömungen in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 207 (sequence 5)
Language
German
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nicht verschlungen, sondern beide haben ihr Reich für sich. Der Sephardi ist zum Beispiel imstande, am Sabbat in der Synagoge in heiliger Ehrfurcht zu beten und in tiefer religiöser Demut die „Parochet"*) zu küssen und dann direkt an sein Geschäft zu gehen. Wenn die Sephardim zwischen Religion und Leben einen Gegensatz finden, suchen sie einen Ausgleich, ohne starke Kämpfe. Der Kampf der „Väter und Söhne", der sich bei uns in verschiedenen Epochen findet, ist ihnen gänzlich unbekannt. Wie groß war das Ringen, ehe die europäische Aufklärung in unser Ghetto drang! Zu den Sephardim kam die „Allianz" und wollte sie mit Schulen und mit französischer Aufklärung beschenken — sogleich nahmen sie alles mit Freuden hin. Sogar wenn die Mission sie mit ihren Schulen und nebenbei mit der „Welt der Wahrheit" beschenken will, nehmen sie auch dies in Liebe hin. Und die Missionsschulen, der Krebsschaden im Lande, füllt sich durch den Abfall der sephardischen Judenheit. Ein Jude gibt sein Kind dahin, ohne daß es sein Herz bewegt, er empfindet weder die Gefahr für sein Kind noch die Beleidigung seines Volkes. Eine anständige Schule mit anständigen Lehrern, worin man die notwendigsten Kenntnisse umsonst oder halb umsonst sich aneignet — warum soll er sein Kind nicht dahin geben? Es fehlt den Sephardim die Tiefe. Sie sind schlicht und einfältig. Die Einfalt, die seit jeher ihre Bücher beherrscht, hat auch ihrem Geist das Siegel aufgeprägt. Aber e i n Gutes ist ihnen als Erbe ihrer Väter verblieben : das nationale Bewußtsein. Sogar auf ihren Gesichtern ist eine Spur jenes orientalischen Adels ausgeprägt — eine „Schönheit der Söhne Abrahams, Isaks und Jakobs". Ihre Nationalität ist gesünder und stärker, als die unsere. Sie hat keine Brüche, keinen inneren Zwiespalt. Auch über sie ist das Golus ergossen, aber nicht die ewige Wanderschaft. Sie wurden nicht von Gefäß zu Gefäß, von Kultur zu Kultur geworfen, waren nicht gezwungen, sich dem Leben der Umgebung zu assimilieren, und wo dies geschah, taten sie es freiwillig, aus innerer Erkenntnis und nicht aus Zwang. Darum verblieb ihnen der historische Charakter, und der Duft des Nationalen ging ihnen nicht verloren. In der letzten Zeit fügte sich der palästinensischen Judenheit neuerdings ein altertümliches Element ein — die jemenitischen Juden, die sich eine Heimstätte da gründen. In ihrer Mitte hat sich das uralte Judentum in allen Einzelheiten erhalten. Sie haben weder Kleidung noch Sprache noch Bräuche gewandelt, als ob sie vom Mittelalter bis heute in einer Tonne gelebt hätten. .Zumeist sind sie kindlich, ehrlich und schlicht, alle verstehen sie etwas Hebräisch und viele von ihnen sind religiös gebildet, ganz Ungebildete gibt es unter ihnen fast gar nicht, alle religiösen Pflichten befolgen sie in Ehrerbietung und mit Peinlichkeit. Ihr kulturelles Niveau steht sehr niedrig, ihr materieller Zustand ist sehr hart und armselig, das Siegel der Armut und des Golus ist ihnen eingeprägt. Doch sind sie in natürlicher Weise Juden, und Palästina ist ihnen buchstäblich das Land der Erlösung : es befreit sie aus einem bitteren Knechtezustand *) Thoravorhänge. 205

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