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Palästina · 1912-01-01 · Heft 9-10 · p. Seite 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 9-10
Article
Strömungen in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 206 (sequence 4)
Language
German
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Zu den „Ausgleichenden" sind auch einige Lehrer zu zählen vom Typus der Frankfurter Orthodoxie, die nach Palästina kamen, um das religiöse Moment zu stärken und welche die Religiosität mit der europäischen Aufklärung zu vereinigen beabsichtigen. Aber die meisten von ihnen stellen, sich in gar keinen Zusammenhang mit den Landesbewohnern und wollen das Erziehungssystem nur von oben herab beeinflussen. Manche von ihnen anerkennen das Nationale überhaupt nicht oder nur teiweise und betrachten sich selbst als „reine Deutsche mosaischer Konfession". Selbstverständlich, daß solch ein seltsames Wesen in Palästina, dem Zentrum der jüdischen Nationalität, sich wie ein „zusammengesetzter Ethrog" ausnimmt. Ich glaube, daß hiefür jetzt in Palästina kein Boden ist. Was in Deutschland in einer vorigen Generation orts- und zeitgemäß war, ist es nicht heute in Palästina. Dort, in Deutschland, erstand die jüdische Orthodoxie wie eine Schutzwehr gegen die Reform. Das Judentum war schon modernisiert, die Juden hatten schon die europäische Aufklärung in sich eingesogen, und als dann einige große Rabbiner kamen und den Typus des modernen orthodoxen Juden schufen, war diese Schöpfung verständlich und konnte im Leben einen festen Platz gewinnen. Nicht so in Palästina. Die extremen Orthodoxen in Palästina wollen von Aufklärung überhaupt nichts wissen, ja sogar jede neue Ordnung und Disziplin in einer Schule gilt ihnen als der Ketzerei verdächtig. (Es erzählte mir jemand, daß einer der „Melamdim" in einigen Talmud-Thoraschulen in den Unterrichtsstunden Ruhe einführen wollte und ihn die Leiter aus Verdacht des Abfalls entließen). Und diese sich als Deutsche Fühlenden kommen für die Gottesfurcht Sorge zu tragen, um die Religiosität wieder an den ihr gebührenden Platz zu setzen! Und wenn sie den ganzen Tag beteten, wird ihnen das Volk denn Vertrauen schenken? Und die aufgeklärten Nationalen wieder anerkennen die Aufgeklärtheit dieser fanatisch-orthucloxen Deutschen nicht, die mit den Aufgeklärten in gar keine Berührung treten, ja sich (nach dem Brauch in Deutschland) auf Schußweite von den „Abtrünnigen" fernhalten. (So nehmen sie an keiner Organisation der Lehrer und Pädagogen teil und auch an keiner öffentlichen Angelegenheit, um nicht in eine Gesellschaft mit den „Abtrünnigen" zu kommen). Darum zweifle ich, ob es diesen Wenigen, die mit einem fertigen Programm in der Hand hergekommen sind, gelingen kann, irgend eine Strömung in Palästina wachzurufen. Sie widersprechen sich ja selbst, indem sie mit der Tendenz der Vermittlung kommen und ein extremes Wesen zur Schau tragen. Würde es ihnen aber dennoch gelingen, irgend eine Strömung hervorzufen, so wäre dies eine neue Strömung: von extrem Religiösen, welche die europäische Kultur anerkennen und die nationale Kultur verwerfen. Unter den geistigen Strömungen Palästinas macht sich in letzter Zeit die Strömung des sephardischen Judentums deutlich geltend, indem die Sephardim begonnen haben sich den Aschkenasim zu nähern. Aber der beiden Lebensrichtungen sind gänzlich verschiedener Art. Sogar die Orthodoxesten unter den Sephardim stehen einer natürlichen Lebensart näher als die Aschkenasim. Die Religion bildet in ihrem Leben keine so starke Macht wie bei unseren Frommen. Bei uns verschwindet das Leben vor den Anforderungen der Religion, bei ihnen hat diese das Leben 204

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