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Palästina · 1912-01-01 · Heft 9-10 · p. Seite 205

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 9-10
Article
Strömungen in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 205 (sequence 3)
Language
German
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Einwohnerschaft in ihrer Verwahrlosung und sah das religiöse Judentum im Niedergang, in schleppender Fäulnis. Da nahm er die Wirkung für die Ursache und dachte, was aus der Schule der Religiösen kommt, sei Golusjudentum, und darum verwuchs er mit der Forderung, das nationale Judentum müsse aus den Ruinen der Religiösen erbaut werden. Die natürliche Entwicklung des Judentums in Palästina wird, nach der Meinung der Nationalen, nur durch Entwicklung der Nationalität vor sich gehen, und die Religiosität wird gänzlich an Kraft verlieren. Und es gibt extreme Vertreter dieses Systems, welche meinen, daß man zwischen Religion und Nationalität gänzlich unterscheiden könne, sowie eine solche Unterscheidung auch für andere Völker bestehe, da ja einem Volke Vertreter verschiedener Religionen angehören können. Aber diese Anschauung, die bei einigen extremen jungen Leuten aufzublitzen begann, verschwand sofort, ehe sie noch die Gestalt eines Systems oder einer Strömung angenommen hatte. Auch nicht bei den der Religion am fernsten Stehenden fand diese extreme Anschauung Anerkennung. Es gibt noch Extreme von der freiheitlichen Seite, besonders unter den jüngeren Arbeitern, die wie aus „Pflicht" sich kulturfeindlich stellen. Sie aber kann man nicht in ein System oder eine Strömung einreihen, weil sie ihre Taten nicht auf einen Gedanken oder eine Anschauung gründen, sondern gerade auf die Negation. Die meisten von ihnen bringen die Gewohnheiten ihrer Genossen aus dem Golus mit, das Erbe eines bekannten Einflusses, der ehedem ein „Stürmen und Drängen" bedeutete. Jetzt nimmt das Stürmen und Drängen ab und das Feuer erkaltet. Und sind noch unter ihnen solche, welche das Joch der sozialen Verpflichtung von sich zu schütteln meinen, so tun sie dies nur „zum Vergnügen" sozusagen, aus Gewohnheit, aber nicht aus Trotz. Die beiden erwähnten Schichten, die der extrem Religiösen und der extrem Nationalen sind die stärksten, die sich in Palästina eine Position errungen haben. In letzter Zeit stehen ihnen zwei ausgleichende Schichten gegenüber, die sowohl das religiöse als auch das nationale Prinzip als berechtigt anerkennen, nur daß bei der einen das religiöse die Hauptsache bildet, das nationale nur Nebensache, bei der anderen umgekehrt. Die Vertreter der ersteren Gruppe gehören jenem Typus aufgeklärter Frommen an, die „ein wenig sehend und dadurch verwundet wurden", doch ist ihnen jeder kleinste religiöse Brauch in nationalem Sinne teuer, und sie nehmen auch jede nationale Verpflichtung auf sich und erfüllen sie mit einer Art religiöser inniger Freude. Die Vertreter der anderen Gruppe gehören zu dem Typus der freigeistigen Zionisten, die in den Golusländern sich wie Aufgeklärte trugen, sobald sie aber in das Land kamen, einzuräumen begannen, daß hier der Religion eine gewisse Wichtigkeit zukomme, und darum verpflichten sie sich zu einer gewissen taktvollen Achtung gegenüber den religiösen Bräuchen. Durch diese Gruppe bildet sich allmählich eine Art Synthese zwischen Religiosität und Nationalismus, und die beiden Kräfte gehen nicht mehr darauf aus, einander gegenseitig zu schwächen, sondern in gewissem Sinne sogar zu fördern. 203

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