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Palästina · 1912-01-01 · Heft 9-10 · p. Seite 204

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Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 9-10
Article
Strömungen in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 204 (sequence 2)
Language
German
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und fand es nicht. Ich meinte dort Menschen zu finden von einem wirklichen Glaubensfeuer, Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch in der Nähe der heiligen Stätten „der Thora und dem Dienste" sich widmen; ich sehnte mich, in diesem Winkel einen starken, wenn auch eitlen und phantastischen Glauben zu finden, der aber doch tief und eventuell auch fanatisch ist. Aber ich fand zu meinem Schmerze nur ein im Verlöschen zuckendes Feuer: die Synagogen und Lehrhäuser — außer den Talmud- Thoras und Jeschiwot, von denen noch die Rede sein wird — den ganzen Tag geschlossen, wie es jetzt auch im Golus überall der Fall ist. Und findest du manchmal in einem Bet-Hamidrasch einen alten Mann, der vor einem offenen Buch einschlummert, so geschieht dies nur aus Langweile oder einer Art Geschäftsinteresse. „Thora und Gebet" um ihrer selbst willen findest du hier nicht. Im Jerusalem Lithauens*) zum Beispiel lebt dessen heute mehr als im wirklichen Jerusalem. Das ist eine sehr betrübende Erscheinung: wenn in diesen vier Ellen die „Schechinah" nicht den Ort der Konzentration hat, wo ist dieser Ort? Und die Jungen, Kinder und Kindeskinder jener Greise, beginnen die weite Welt anzusehen, und wer nur kann, flieht in alle vier Windrichtungen. Das alte Geschlecht selber steht nicht fest in seiner Anschauung, um so weniger hat es die Frische, auf das neue Geschlecht einzuwirken. Darum steigert sich die Auswanderung der jungen Leute aus dieser Volksschichte, die doch als Eingeborene des Landes als eine breite Basis für einen gesunden Jischub dienen könnten, und diese Auswanderung ist zu einer förmlichen Flucht geworden. Diese Bevölkerungsschichte hat lange Jahre keine „Großen der Thora", keine „berühmten Verfasser" hervorgebracht. Sie sitzt am Tisch ausländischer Großer, aus sich heraus hat sie gar nichts. Und sie siecht immer mehr hin: nährt sich nur noch von der Vergangenheit, lebt vom „Verdienst der Väter" allein. Aber weil sie volkreicher ist als die anderen Schichten und auf alter Basis steht, erscheint sie mächtig, als ob bei ihr die Herrschaft wäre, während sie nur den anderen Schichten unterworfen ist. Zu ihrer scheinbaren Macht trägt nur ein gewisser äußerer Schimmer bei, der noch wie eine nationale Würde über sie ausgegossen ist und selbst die Gegner zwingt, mit ihnen zu rechnen und sie nicht taktlos zu behandeln. Im Gegensatz zu dieser Bevölkerungsschicht erstand mit dem neuen Jischub die Schichte der Nationalen, die Trägerin eines dem Religiösen entgegengesetzten Systems. Sie gründet die Existenz des Judentums auf die Nationalität allein. Feste Werte hat sie indes noch nicht, und so befindet sie sich in einem Zustande der Entwicklung und des Uebergangs: dem Alten ist sie entsprungen und ein gänzlich Neues hat sie noch nicht erreicht. Die Basis, auf der diese Gruppe steht, heißt: Eroberung des Landes und Belebung der Sprache. Ihre Gegnerschaft der religiösen Richtung gegenüber ist eine natürliche: sobald eine der im Volke verborgenen Kräfte hervorbricht und die Zeit ihres Erstarkens kommt, sucht sie alle anderen unter sich zu zwingen. So fand der Nationalismus die *) Wilna, eines der Zentren altjüdischer Gelehrsamkeit. 202

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