Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 9-10
- Article
- Strömungen in Palästina
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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:: PALÄSTINA :: MONATSSCHRIFT FÜR DIE ERSCHLIESSUNG PALÄSTINAS. IX. JAHRGANG 1912 HEFT 9/10 Strömungen in Palästina. Von Chajim Czernowitz. (Aus einer hebräischen Artikelserie im „Haolam": Eindrücke von Palästina). . . . Bevor ich zur Erziehungsfrage komme, erachte ich es für notwendig, einen kurzen Blick zu werfen auf die geistigen Strömungen im Lande, denn nur so wird es möglich sein, den Charakter der Erziehungsmethode zu bestimmen, die zwischen diese verschiedenen Strömungen hindurchgeht. Nirgends in den Golusländern sind der geistigen Richtungen und Strömungen so viele wie in Palästina. Keine Richtung im Golus, die nicht ihre „Priester und Propheten" in „Erez Israel" hätte. Und die Strömungen sind hier so stark und mächtig, daß nichts in der Welt sie von der Stelle zu rücken vermöchte. Die am deutlichsten ausgeprägten, die an erster Stelle stehen, sind: die religiöse und die nationale Gläubigkeit. Früher herrschte mehr ein Kampf zwischen dem „alten" und dem „neuen" Jischub, ein Kampf der „Menschen" mehr als der Anschauungen, oder wie man sagte: ein „Existenzkampf". Jetzt hat sich dieser Kampf mehr in einen Kampf von Gedanken der Vertreter verschiedener Anschauungen verwandelt. Der Haß, der vordem zwischen den Menschen bestand, ist jetzt zurückgetreten. Die Vertreter des älteren Jischub, die anfangs den Verdacht hegten, als wolle der neue Jischub durch ihren Untergang in die Höhe kommen, überzeugten sich schließlich, daß dieser auch ihnen keinen Schaden bringt. Im Gegenteil: infolge des neuen Jischub begann sich die Oeffentlichkeit auch wieder für die Institute der Wohltätigkeit und der Chalukah, die dem alten Jischub gänzlich zugehören, zu interessieren. Und auch die Neuen, die anfangs den alten Jischub gänzlich verpönt hatten, beginnen schließlich zu gestehen, daß der alte Jischub auch seinerseits dem Lande Nutzen gebracht hat, und wer weiß, ob ahne ihn der neue gar gekommen wäre. So hat sich der Haß zwischen beiden Richtungen „in der Praxis" verloren, und an seine Stelle ist ein Kampf der Anschauungen getreten. Die Richtung der Ersteren ist bekannt. Sie verpönen zur Gänze die europäische Kultur, verbieten jede Neuerung. Der „Bann" besteht ihrerseits noch gegenüber den neuen Schulen, es ist in ihrer Welt nur Platz für „Gottesfurcht, Thora und Gebet". Es muß aber die Wahrheit gesagt werden: ich suchte in ihren „Bet-Hamidraschmauern", dem Symbol einer uralten Stützfestigkeit, eine Stärke der Anschauung und ein höheres Selbstvertrauen — 201