Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Lehre der Tatsachen
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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den ich vor zwanzig Jahren geträumt, allmählich zur Wirklichkeit werden, wenn auch mit veränderten Einzelheiten — denn kein Traum ist ja ohne Ueberflüssiges. Was schon jetzt in Palästina sichtbar wird, gibt ein Recht dazu, getrosten Herzens zu sagen: „Ja, die Zukunft Palästinas ist: zu werden ein geistignationales Zentrum für das Judentum, ein Zentrum, das dem ganzen Volke lieb und wert ist und das ganze Volk vereinigt und verbindet; ein Zentrum der Torah und der Wissenschaft, der Sprache und Literatur, der körperlichen Arbeit und der seelischen Reinheit, eine echte „Miniatur" des jüdischen Volkes, wie es sein sollte . . . Und ein jeder Jude in der Zerstreuung betrachtet es als ein Glück, wenigstens einmal in seinem Leben das „Zentrum des Judentums" zu sehen, und wenn er in seine Heimat zurückkehrt, sagt er zu seinen Freunden: Wenn ihr den echten Typus eines Juden in seiner urwüchsigen Gestalt sehen wollt, sei es ein Rabbiner, Gelehrter oder Schriftsteller, sei es ein Bauer, Handwerker oder Händler, dann geht nach Palästina, und ihr werdet ihn zu sehen bekommen . . ."*) Noch ist nicht wirklich die Stunde gekommen und wird auch nicht in naher Zukunft kommen, daß ein jüdischer Mann, der aus dem Lande zurückkehrt, zu dem Nächsten sprechen kann von dem jüdischen Typus in seiner „wahren Färbung": „Geh' nach Palästina, so wirst du ihn sehen!" Aber schon kann er sagen und sagt es auch in Wirklichkeit: „Geh' nach Palästina und du wirst seine Schöpfung sehen". Die bestehenden Kolonien, trotzdem ihre Arbeit zumeist nicht durch jüdische Hände getan wird, erscheinen ihm, dem Juden, der aus dem Golus kommt, wie kleine Schöpfungszentren, in denen der neue Typus nationalen Lebens, der seinesgleichen im Golus nicht hat, herausgewoben wird. Kommt er in eine jüdische Kolonie, so empfindet er sich sofort von einer hebräisch-nationalen Atmosphäre umgeben. Alle Lebensordnung, alle Gemeinschaftsgründungen, vom „Waad der Kolonie" bis zur Schule, tragen jüdische Prägung und es ist in ihnen nicht, wie in den Ländern des Golus, fremder Einfluß zu erkennen, der wie ein Strom aus der anderen Umgebung hereinbricht und die hebräische Prägung verwischt. Wahrlich, nicht alles findet er gut und preisenswert, viele Mängel muß er — wenn er Augen hat — entdecken, sowohl im öffentlichen als im privaten Leben: sogar die Schule in der Kolonie ist zumeist noch sehr weit von Vollkommenheit entfernt, selbst die Vorherrschaft der hebräischen Sprache in den Kolonien, worauf soviel hingewiesen wird, ist vorläufig noch eine halbe Herrschaft. Sie bezieht sich nur auf die Welt der Kinder. *) Achad Haam: „Am Scheidewege", deutsch von M. Friedländer, in dem Aufsatz „Leo Pinsker und seine Broschüre", S. 80. 180