Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Lehre der Tatsachen
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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gleichfalls aufgeklärte Juden. Wenn der Sohn sieht, daß das Erbe seiner Väter ihm nicht ermöglichen wird, ein einigermaßen vermögender „Farmer" zu sein, daß ihm vielmehr bestimmt sei, einer jener armen „Bodenknechte" zu werden, auf denen die Welt steht — dann verläßt er die Kolonie und geht sein Glück jenseits des Meeres zu suchen, und es wird ihm leichter, dort Frohnarbeit zu leisten, wenn er nur frei sein kann von der Bodenarbeit und reiche Zukunftsträume spinnen. Und wenn ihr glaubt, daß in den Herzen dieser Kinder kein Gefühl der Liebe für Palästina lebt, dann verdächtigt ihr sie mit Unrecht. Die meisten lieben in der Tat das Land und sehnen sich, auch nachdem sie es verlassen haben, zurück (manche kehren auch nach Jahren zurück, wenn sie sich drüben genug erworben haben, um in Palästina ein breit auskömmliches Leben führen zu können). Das Unglück aber ist, daß die Liebe zum Lande allein nicht die Kraft hat, Bauern großzuziehen; dazu bedarf es noch einer Liebe zum Boden. Der wirkliche Bauer fühlt, wenn er sich vom Boden trennt, als wenn er sich vom Leben trennte. Das Band zwischen ihm und dem Boden, der Väter Erbe durch Geschlechter hindurch, ist bei ihm so stark und tief, daß er es nicht zerschneiden kann. Darum will er lieber Armut und Mangel leiden, sein Leben lang wie ein Esel am Joche sein — den Boden verläßt er nicht. Diese Eigenschaft aber verringert sich auch dort, wo sie vorhanden ist, wenn sie in Berührung kommt mit einer kulturellen Umgebung; umso mehr ist es unmöglich, sie an einem Orte zu erzeugen, wo sie nicht vorhanden ist, und gar in einem Volke wie dem unsrigen, in das zweitausend Jahre der „Bewegung" die gerade entgegengesetzten Eigenschaften eingepflanzt haben. * * * Bleibt nur noch eine Hoffnung: Jene jungen Arbeiter, die aus dem Auslande kommen, zunächst mit der Absicht, ihr Leben auf dem Altare des nationalen Gedankens darzubringen, die Arbeit in Palästina zu erobern, und in unseren schon bestehenden oder erst zu gründenden Kolonien jene Landbevölkerung zu schaffen, die darin noch fehlt. Nicht umsonst steht in der letzten Zeit die Arbeiterfrage beinahe im Mittelpunkte der ganzen Ansiedlungsfrage. Alle fühlen, daß sie in der Tat eine größere Frage in sich schließt: die Zielfrage des Zionismus überhaupt. Wenn es auch diesen Arbeitern nicht gelingen sollte, den Mangel auszufüllen, so wäre es ein Zeichen, daß auch der nationale Idealismus zu arm an Kraft ist, um die notwendigen seelischen Eigenschaften zu erschaffen, und wir müßten uns mit dem Gedanken versöhnen, daß unsere ländliche Kolonisation in Palästina, wenn sie selbst in langer Zeit das Aeusserste erreicht, 174