Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Lehre der Tatsachen
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2379786-2379848-2379855-2416042--04302-2416093- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wer wie ich nach Palästina kommt, mit trüben Erinnerungen aus vergangenen Tagen, der hört all dies mit Freude und unendlichem Wohlgefühl an, und er kann sich sogar in Hinsicht auf die Entwicklung desjischub überhaupt der Neigung zu einem entschiedenen Optimismus nicht entschlagen. Aber all dies ist schön und gut, solange du den Jischub wie eine Sache betrachtest, die dir an sich selbst teuer ist, denkst du aber an das „politische Ziel", den ersten Punkt des „Basler Programmes", dann verschwindet sogleich der Optimismus und alles erscheint dir ärmlich, leer und bedrückend. Eine Erfahrung von dreißig Jahren des Kolonisationslebens muß uns schließlich zur Erkenntnis führen, daß jüdische Kolonien wohl in Palästina sich behaupten und auch sich mehren können, aber jüdische Bauern — solche Bauern, auf die die „gesicherte Heimstätte" sich gründen muß — können wir nur in sehr geringer Zahl in Palästina erschaffen — im Verhältnis zu jenem Ziel. Der Jude ist zu sehr „aufgeklärt", zu sehr „Kulturmensch" und nicht fähig, all sein Leben und Wünschen auf ein kleines Stück Boden zu beschränken und sich so seines Besitzes zu freuen, wenn er im Schweiße seines Angesichts dürftigen Unterhalt schöpft. Er hat nicht mehr jene primitive Einfalt des echten Bauern, dessen Seele mit dem Boden verbunden ist, der seine Welt in seiner Arbeit sieht und den Blick nicht jenseits seiner vier Ellen richtet, als sagte ihm eine göttliche Stimme, daß er dazu geschaffen sei, Diener des Bodens zu sein, zusammen mit seinem Ochsen und Esel, und daß er ohne weitere Gedanken seine Rolle im Leben zu erfüllen habe. Jenes ländliche Idyll, das wir vor dreißig Jahren in der Phantasie erblickten, hat sich nicht verwirklicht und kann sich nicht im Leben verwirklichen. Der Jude kann ein fleißiger „Farmer" sein, ein ländlicher Besitzer, eine Art „Boas", der sich von der Bodenarbeit ernährt, darin kundig und eifrig; jeden Morgen geht er hinaus nach seinem Acker oder Weinberg, um seine Arbeiter zu beaufsichtigen, welche pflügen oder säen, pflanzen oder seine Weinstöcke pfropfen, und scheut es auch nicht, mit eigener Hand zu arbeiten zusammen mit seinen Arbeitern, wenn er es für notwendig findet, und überhaupt ist er dem Boden und der Natur nahe und in seiner Geistesrichtung verschieden vom städtischen Juden. Gleichzeitig aber strebt er danach, wie ein Kulturmensch zu leben, sich physisch und seelisch an den Früchten der Kultur seiner Zeit zu erfreuen, und der Boden saugt nicht sein ganzes Wesen ein. Dieser schöne Typus ersteht in Palästina vor unseren Augen und wird im Laufe der Zeit sicherlich zu einer Stufe ungewohnter Vollkommenheit gelangen. Was nützt dies aber der „gesicherten Heimstätte?" Eine „obere" Klasse solcher Bauern, die von der Arbeit 172