Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Lehre der Tatsachen
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht so weit entzünden, um darin „den Anfang der Erlösung" zu sehen. Allerdings freut sich das Herz ob des großen Fortschritts in den meisten der Kolonien. Vor zwölf Jahren, wenn du eine jüdische Kolonie in Palästina betreten wolltest, konntest du im Vorhinein wissen, was du darin hören werdest: seitens der Kolonisten Ach und Klage über den schlimmen, schier unerträglichen Zustand, Anklagen gegen die hartherzigen Beamten, die ihre Pflichten nicht erfüllen, und schließlich: eine lange Liste von Summen, die jeder Kolonist noch brauchte, um ordentlich eingerichtet zu sein — und seitens der Beamten Schimpf und Schmähung gegen die Kolonisten, die sämtlich faul, verächtliche Schnorrer seien, die immer „Gib" schreien, während ihre Lage gar nicht schlimm und die Rechnung mit der Verbesserung falsch sei. Jetzt in den meisten Kolonien keine Spur mehr davon. Seither taten die Beamten, — um die Wahrheit zu gestehen — soviel in ihrer Macht lag, um die ehemalige Verderbnis zu bessern: gaben den Kolonien neuen Boden, wo es nur anging, solchen in der Umgebung zu kaufen, gründeten neue Kolonien, wo in den alten der Raum zu enge wurde — und bestrebten sich im Ganzen, die Angelegenheit zum Abschlüsse zu bringen, das Fürsorgssystem nach und nach aufzuheben und Leitung und Verantwortung an die Kolonisten selber abzugeben, damit sie schließlich erkennen, daß, wer leben will, für seine Angelegenheiten selber sorgen muß, statt beständig nach äußerem Beistand auszuschauen. Man kann zwar noch nicht sagen, daß die Befreiung der Kolonien bis zur Gänze durchgeführt ist, noch ist die Schnur an ihrem Halse, welche die „Administration" nur an ihrem fernen Ende hält. Weil sie aber nicht mehr wie ehedem daran zieht, so merkt man ihre Existenz nur wenig. — Und kommst du heute in einer dieser Kolonien, dann hörst du ein ganz anderes Lied: „Wir stehen unter unserer eigenen Herrschaft" — erzählen sie dir vor allem andern, mit dem Stolze von Menschen, die den Wert der Freiheit erkennen. Und dieser Stolz verleitet sie sogar, das Gute zu übertreiben, wie sie damals das Schlimme übertrieben haben: „Alles in der Kolonie ist gut und schön. Sie steht fest und sicher und geizt nicht mit den Erträgnissen. Zwar geht es einigen noch schlecht — doch was liegt daran? Ueberall gibt es Leute, die keinen Erfolg haben. Wem es nicht glückt, der mache einem andern Platz. Die Hauptsache ist, daß die Kolonie als Ganzes bestehen und sich schön entwickeln kann. Es fehlt zwar noch dies und jenes, und wir können den Mangel nicht ersetzen. Aber mit der Zeit wird auch dies gehen. Man muß nur geduldig arbeiten, und alles kommt zur rechten Zeit." Das ist der Grundton, der mir in fast allen Kolonien, die ich durchreiste, ans Ohr drang. Und 171