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Palästina · 1912-01-01 · Heft 6 · p. Seite 164

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 6
Article
Gründer
Date
1912-01-01
Page
Seite 164 (sequence 3)
Language
German
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ein Tier, dem man sein Junges geraubt Nur Salim stand wie verloren da in seinem blauen langen Rock, der an der rechten Schulter noch feucht vom- Blute war und harrte in völliger Knechtschaft auf den Befehl des Soldaten, während das Lämmchen in seinem Blute noch zuckte und röchelte und um Erbarmen flehend auf seinen Mörder blickte." Secharjah verstummte, als bliebe ihm etwas in derKehle stecken, seine Augen wurden feucht, aber sogleich ermannte er sich und sprach : „Es war wirklich sehr töricht von mir, so viel Zeit dem Herrn zu rauben mit einer Chad-gadia-Geschichte*), die sich vor zwölf Jahren zugetragen hat, aber sie steht noch so lebendig vor mir und ich erinnere mich wohl, daß, als der Chajai das Messer an den Hals des Länimchens legte, ich zu Gott betete, daß dem Soldaten die Hand verdorre und er sie nicht mehr bewegen könne. Und lange Zeit nachher, als ich nach Jerusalem zurückkehrte, forschte ich in kabbalistischen Büchern nach einem solchen Schern**), der, sobald er nur gehört, die Kraft hätte, dem Böses Verübenden die Hand verdorren zu machen. Als ich größer wurde und mir klar machte, daß es unmöglich sei mittels der „praktischen Kabbalah" so etwas auszuführen, wollte ich Maschinen bauen lernen, um eine solche Maschine herzustellen, die im Augenblick den Gewalttäter hindern könnte, sein Vorhaben auszuführen." „Jetzt verstehe ich es: Wenn sich alle Weisen und Erfinder der Welt vereinigen würden, könnten sie nicht so etwas erschaffen, ja je mehr sich der Mensch entwickelt, desto mehr entwickelt sich und wächst auch das Raubtier in ihm, sein Frevelmut und seine Gewalttätigkeit. Kein Unterschied, wer die Übermacht hat, ein Kluger oder ein Tor, ein Gelehrter oder ein Dummer, ein Jude oder ein Nichtjude, ob er in der Stadt oder im Dorfe lebt, ein Gesetz gilt für alle : „Immer'siegt der Stärkere". „Ich will den Herrn mit Erzählungen nicht ermüden von dem, was ich in den wenigen Jahren erlebt habe. Wenn wir Kinder Israels nun aber „Erbarmungsvolle und Kinder von Erbarmungsvollen" sind, so haben doch auch wir von den Sitten der Völker gelernt: Der Starke sitzt auf dem Schwachen, die Mehrzahl auf der Minderzahl, und darum frage ich den Herrn" — dabei stand Sechariah voll Erregung auf und heftete seltsame Blicke auf mich — „was wird das Ende von alledem sein? Was für einen Nutzen kann unser Jischuw haben, wenn wir nicht an das Ziel denken?" „Blicke hin", sagte ich da zu Sechariah, indem ich hinzeigte auf das herrliche Bild der Umgebung, „siehst du nicht wie der Schnee überall dort schmilzt, wohin die große Leuchte***) ihre Strahlen sendet; beruhige dich, mein Freund, wenn wir ganz in unserem Lande wohnen werden, wird die ewige Gerechtigkeit in Zion herrschen und ihre Strahlen über die ganze Welt aussenden und das Böse wird wie Rauch verschwinden". „Ja mein Herr, wenn wir alle im Lande wohnen werden und die ewige Gerechtigkeit darin herrscht — aber wie werden wir alle da wohnen und wie die Gerechtigkeit zur Herrschaft bringen, wenn jetzt noch *) Die verkettete Geschichte von dem Lämmchen, die am Sederabend gelesen wird. **) Ein heiliger Name, der Wunderkräfte auslöst. ***) Die Sonne nach der Bezeichnung der biblischen Schöpfungsgeschichte. 164

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