Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ländliche und städtische Siedlungsarbeit
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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Es ist aber ebenso bezeichnend als naheliegend, daß auch die älteren Hebungsversuche in Bezug auf die heruntergekommene einheimische Bevölkerung gleichfalls auf Landwirtschaft hinzielten (so z. B. Montefiore, die ersten Gründungen der Alliance). Diese beiden Tatsachen geben allerdings auch den Grundton der heutigen Situation. Man nehme unseren Palästinabestrebungen die Tendenz der Besiedlung des Landes, der Wiederverknüpfung des durch Jahrhunderte in Ghetti gepferchten und im modernen Leben zerstiebenden Volkselementes mit einem neu zu erwerbenden Heimatsboden, der etwas mit d'er Gesundung dieses Volkstums zu tun hat — und sie haben ihren wirklichen Sinn verloren. Stellt man mit Achad Haam die geistige Renaissance in den Mittelpunkt, dann ist diese in ihrer rein geistigen Tendenz an keine lokale Zentralisation gebunden, in ihrer physischen Verwirklichung aber wieder an eine Form gebunden, die nur von einem gesundeten Volkstum getragen werden kann. Dabei geht es allerdings weniger um die Stärke der Besiedlung als darum, daß eine solche Unterlage gesunder Volksexistenz überhaupt vorhanden sei. Freilich hat die kurze Geschichte der bisherigen Kolonisation auch dies gezeigt, daß die durch das europäische Leben und gerade durch den nationalen Idealismus durchgegangenen Volkselemente zum geringen Teile das geträumte Bauerntum hervorgebracht haben. Nicht nur, daß der Jude dem eingebornen Fellachen gegenüber einen unvergleichlich höheren Lebenstypus darstellt und dessen Primitivität für seine Wirtschaftsbedingungen gar nicht in Vergleich kommt, so hat er auch mit dem höher kultivierten europäischen Landwirt sehr wenig gemein, und nicht gerade zu seinen eigenen Gunsten. Es zeigt aber die Entwicklung der letzten Jahre Möglichkeiten, welche für die Schaffung eines jüdischen landwirtschaftlichen Volkselementes von Bedeutung sind. Einerseits die proletarische. Einwanderung: trotz einer gewissen Unstetigkeit auch dieses Einwanderungselementes, findet doch hier eine Auslese statt von solchen Menschen, die den physisch schweren Anforderungen gewachsen sind und genug Stetigkeit aufbringen, um zur kleinen Eigenwirtschaft als zu einer höheren und gesicherten Existenzform aufzusteigen. Besonders bieten hiezu die genossenschaftlichen Versuche guten Anlaß. Der in früheren Jahren oft sehr grell hervortretende Gegensatz von Kolonisten und Arbeitern — die im Grunde aus gar nicht sehr verschiedenen Volksschichten hervorgingen — hat, wie aus Achad Haams letzten Erörterungen hervorgeht, darin seine natürliche Ursache, daß diese Elemente mit einem Lose, zeitlebens Arbeiter zu bleiben, oder einen eigentlichen Arbeiterstand zu bilden, innerlich gar nicht so sehr zufrieden sind. Andere Aussichten eröffnen sich, wenn sie nach tüchtiger Ausbildung in Lehr- und Versuchsfarmen Kolonisten werden können, was ihrem Unabhängiti.keitsbedürfuis mehr entspricht, oder wenn sie, was in sozialem Sinne noch wünschenswerter erscheint, sich zu selbständigen genossenschaftlichen Gruppen vereinigen können. Es ist auch nicht zu vergessen, daß der Orient gerade nicht jenen Bauernstand erfordert, der mit äußerstem Schweiße dem Beden mühselig seine Schätze entlockt, daß hier, wie schon oft nachgewiesen wurde, bei 154