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Palästina · 1912-01-01 · Heft 6 · p. Seite 155

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Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 6
Article
Ländliche und städtische Siedlungsarbeit
Date
1912-01-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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geringeren Anforderungen an die physische Leistungskraft und größeren an die Vernunft, durch die richtige Ausnützung der mannigfachen Bodenverhältnisse, durch „feinere Landwirtschaft", die einer Anpassung an die dem Lande entsprechenden Lebensbedingungen ganz entsprechen kann, Möglichkeiten gegeben sind, die anderwärts vielleicht in viel geringerem Maße vorhanden sind. Es ist dabei gar nicht an die landwirtschaftliche Spekulation zu denken, die gerade jenes Moment des liebevollen Einlebens nicht enthält das die Sachtüchtigkeit selber befördert, sondern an jene vielseitigen, feineren Zweige, wie Gemüse-, Obst- und Gartenkultur, die allerdings auch eine weit intensivere Schulung erfordern. Für die schwersten Arbeiten hingegen, für welche auch die Araber wohl nicht ganz zu entbehren sind, sollen sich, wie die Nachrichten der letzten Jahre beweisen, auch die aus dem Oriente eingewanderten, primitiven jüdischen Elemente, vor allem die Jemeniten sehr wohl eignen. Wesentlich ist, daß die jüdische Einwanderung mit der Tendenz einer Lebensänderung verbunden bleibt, was in den Städten trotz der manchmal leichteren Lebenshaltung wegen des Mangels der Berührung mit der Natur in Kampf und Frieden, sowie infolge der mangelnden Kenntnis der Landeserfordernisse nicht erreicht werden kann. Freilich scheint es auf der anderen Seite berücksiehtigenswert, daß außer der Kolonisationstätigkeit, die also natürlicherweise eine ländliche ist, die Hebung des städtischen Bevölkerungselementes im weiteren Programm der Erneuerung der palästinensischen Bevölkerung überhaupt gelegen ist. Die Stadt ist ja in solchen Ländern wie Palästina etwas ganz Anderes als in Europa. Sieht man von einem kleinen Bevölkerungsteile Jaffas und Jerusalems ab, so steht sie in mancher Beziehung kulturell unter dem Dorfe. Jene neue Einwanderung, die in den Städten platzgegriffen und aus Jaffa eine Art Zentrum gemacht hat, geht natürlicherweise den einheimischen Bevölkerungselementen in der Besserung der Lebensverhältnisse voran. Die kleinen neuen Stadtkoionien entsprechen naturgemäß gerade dem Sinne der Verländlichung der Siadt, also nicht jener Entwicklung, die in Europa z. B. zur Entwicklung der Großstädte geführt hat, sondern deren Schäden vielmehr zu lindern sucht. Jene Vorschläge, die z. B. Trietsch für die Förderung des städtischen Lebens in Palästina macht, sind als Hebungsmaßregein, die eine Art veredelter Philanthropie darstellen, ebenso beachtenswert, wie sie als Kolonisationstendenzen verfehlt erscheinen. Jüdische Massen in palästinensischen Städten ansiedeln und erst zu deren Erhaltung Industriezweige sch.-iffen, hieße den wirtschaftlichen Prozessen, die nur aus natürlichen Bedürfnissen sich gesund entwickeln können, etwas Künstliches einimpfen, das a priori für die soziale Entwicklung noch gar nicht als günstig bezeichnet werden könnte — hieße dadurch jüdische Massen in schwankende Bedingungen hineinführen; denn alle Projekte stimmen immer nur bis zu einem gewissen Punkte und können sehr wirtschaftlich erscheinen und doch durch unberechenbare Tatsachen der Entwicklung völlig widerlegt werden. Es ist hiebei zu bedenken, daß große Industrieen in der Entwicklung des Landes gar nicht die Vorbedingungen haben und für den Aufschwung der Bevölkerung wahrscheinlich 155

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