Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1912-01-01 · Heft 3-4 · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 3-4
Article
Die Landarbeiterfrage in Palästina
Date
1912-01-01
Page
Seite 70 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2379786-2379848-2379852-2415731--04074-2415813
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bibliothek und aus dem aufliegenden Blättern geistige Anregung zu schöpfen. Dies ist gerade für den Einwanderer, der aus einem städtischen Milieu mit seinen zahlreichen Bildungsmitteln in eine Kolonie kommt, von größter Bedeutung. Ohne die Möglichkeit einer solchen geistigen Anregung fühlt sich der neue Ankömmling nur zu oft ganz verlassen und von Langweile ergriffen und kehrt in einem Augenblicke des Unmuts der Arbeit den Rücken, in der er bei einer gewissen geistigen Anregung und bei größerem geselligen Verkehr wahrscheinlich ausgehalten hätte. Sobald das Arbeiterh3us den Mittelpunkt für die Arbeiter in den Kolonien bildet, ist es eine Kleinigkeit, dort auch eine Arbeitervermittlungsstelle einzurichten und so die Arbeiter nach Möglichkeit vor Arbeitslosigkeit zu bewahren. 3. Wirtschaftliches Vorwärtskommen. So wichtig auch die vorerwähnten beiden Dinge, die Ausbildung und Anpassung sind, den Kernpunkt des ganzen Landarbeiterprobems bildet doch die Frage, wie der Landarbeiter wirtschaftlich aufsteigen und zur Selbständigkeit und Familiengriindung gelangen kann. Von dem Lohne, den er als einfacher Arbeiter erhält, k^nn er seine Familie nicht ernähren. Das kann er nur dann, wenn er entweder als Vorarbeiter einen höheren Lohn erhält, oder zu seinem Arbeitslohne noch Nebeneinnahmen aus einer eigenen kleinen Wirtschaft (Geflügelzucht, Gemüsebau, Haltung einiger Kühe) hat, oder gänzlich aus dem Arbeiteritande ausscheidet und als Kolonist vom Ertrage des eigenen Bodens lebt. Die Stellen als Vorarbeiter sind relativ selten und können deshalb nur wenigen Arbeitern nützen. Das wirtschaftliche Vorwärtskommen wird deshalb in der Mehrzahl der Fälle davon abhängen, ob es möglich ist, dem Lohnarbeiter zu einer kleinen Nebenwirtschaft oder zu einer vollen Bauernwirtschaft zu verhelfen. In den Fällen, in denen dies in Palästina bisher geschah, erfolgte es in der Weise, daß philantropische Gesellschaften ihm Geld zu besonders günstigen Bedingungen darlehensweise gegeben und die Sicherheit des Kredites dabei nicht genau beachtet haben. Aber dieses System kann nur solange bestehen, als wir es in Palästina mit einer geringen Zahl von Arbeitern zu tun haben, es taugt aber nicht, sobald die Arbeiterzahl anschwillt. Im letzteren Falle wird das Geld der philantropischen Gesellschaften unzureichend. Dem wachsenden Bedürfnis kann nur dadurch abgeholfen werden, daß die Kreditgewährung für diese Zwecke in kommerzieller Weise gehandhabt wird. Jede kommerzielle Kreditgewährung setzt aber eine Kreditfähigkeit, d. h. den Besitz von gewissen Mitteln auf der Seite des Kreditnehmers voraus. Eine Kreditgewährung an vollständig mittellose Leute hat keine Basis, weil das Risiko, das schließlich mit jedem wirtschaftlichen Unternehmen verbunden ist, dann ganz auf dem Kreditgeber lastet. Aber auch abgesehen davon ist es eine sehr mißliche Sache, einen Arbeiter, der keinerlei Vermögen besitzt, mit einem Male durc Kreditgewährung zum Besitzer von Haus und Boden und dem dazu gehörigen Inventar zu machen, weil es eine alte Erfahrung ist, daß man das Gut, daß man leicht erworben hat, nicht so vorsichtig behandelt, wie das Gut, das man sich mühselig erarbeitet hat. Daraus folgt, daß 'eine Kreditgewährung auf kommerzieller Basis nur dann stattfinden darf, wenn der 70

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.