Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 11-12
- Article
- Der Libanon
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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überwältigt das Haupt auf die Brust sinken, dort bekreuzen sich andächtig einige Christen — und alles schweigt, versunken im Anblick des Libanon. Die Sonne badet sich in seinem Schnee, bevor sie ihre große Reise antritt, als wollte sie sich durch dies Bad heiligen. Der Bergschnee erglitzert von ihrem Strahl und sein Licht vereinigt sich mit dem des Morgenhimmels in brünstigem Kusse zu hellem Schein, der sich über den ganzen Abhang ergießt. Wie eine einzige Wolkenmasse erscheint der weiße Berg; denn sein Gipfel taucht in die Wolken und sein Schneekleid ist so weiß wie der Wolken Gewand. Jetzt durchdringt die Sonne mit ihren Strahlen die Wolken und den Schnee des Bergabhangs und beide erscheinen wie ein flammender Teich, feurig wogend und goldig schimmernd. Die rosigen Wogen dieses Lichtes gießen sich über den Bergesrücken hinab und mengen sich mit den Meereswellen. — Das Meer erwacht, geblendet vom Glänze des Lichts, und liegt jetzt leuchtend und freudig zu Füßen des Berges. Fort ist das schwarze Nachtungeheuer und frei atmen die Wellen im herrlichen Scheine des Tages, weithin bestrahlt sie die goldene Sonne. Wir alle stehen auf dem Deck und betrachten dich, Berg Libanon. Sei mir gegrüßt, Sonne meiner Heimat! Heimat, sei gegrüßt, sei gesegnet! Stolz bin ich auf dich, stolzer Libanon! Zu dir bin ich gekommen, meine Väter, meinen Stamm zu finden — woher kam ich? wer bin ich? Du Winkel meiner Heimat, auf deinen Fluren haben meine Ahnen lustwandelt in ihre glücklichen Brautzeit. Du hörtest die liebeerfüllten, bräutlichen Lieder meiner Mutter, diese Lieder von künftiger lebensvoller und lebenspendender Freude. Höre, Berg, erzähle mir etwas! Du weißt doch so vieles: Du hörtest doch das fröhliche Lachen meiner Eltern, den Freudenschrei ihres Schöpfungsglückes . . . Warum schweigst . du, Berg? Ein Einsamer, komme ich zu dir, verschlagen aus fremder Heimat,, die mir zur Mutter ward, an deren Brust ich vertrauensselig mein Haupt gelehnt. Aus dieser fernen, fremden Heimat, nach langem Irren komme ich nun zu dir! . . . Warum schweigst du, Berg? Wen sucht dein stolzer Blick? Sieh auf mich! Erkennst du mich denn nicht? Ich entstamme doch jenem Brautpaar, das unter deinen Zedern selig geruht... Du kannst mir von Ihnen Zeugnis geben; sieh her — ich beuge mein Haupt vor dir, ich wasche meinen Leib, auf das er würdig sei, deinen Boden zu berühren. Erzähle mir doch, Berg, gib mir Zeugnis! . . . Hinter mir steht ein altes Judenweiblein, eine von denen, die nachts, so gut sie es konnten, den Psalmensang der Männer begleitet haben. Erez-Israel zu Ehren hat sie ihre neue Sabbathjacke angezogen, die mit den weißen Spitzen und den Sammetbändern. So steht sie hinter mir, ein großes Gebetbuch in der Hand: „Sagt mir doch, ist er das, der Berg aus der Bibel?" 275