Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 11-12
- Article
- Der Libanon
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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buch, eine zweite hat sich mühsam an ein paar längst vergessene Gebetbrocken erinnert, eine dritte sagt ohne Zusammenhang Segenssprüche vor sich hin. . . eine gar, ein uraltes, verschrumpftes Mütterchen kennt gar nichts, was sie beten sollte, und aus ihrem welken Munde dringen in inbrünstigem Tone immer wieder dieselben Worte hervor: „Die heiligen Erzväter", und „das verheißene Land" und „Mutter Rachel" und wieder „Mutter Rachel". Und alle diese alten Jüdinnen blicken ernst auf ihre Männer, die Psalmen singen. In einem anderen Winkel des Schiffes hat der Pope alle Christen und ihre Weiber um sich geschart, die zum heiligen Grab pilgern. Sie singen einen frommen Kirchenchor; der Wind trägt die Stimmen in den anderen Winkel und dort mischen sie sich mit dem Gesang der Juden, die Psalmen beten. So mengen sich die Gebete und schwimmen vereint über die Meeresfläche dahin. — Mitten auf dem Verdeck stehen junge Burschen und Mädchen; sie kommen aus Plonsk, einem Städchen in Polen. Voll froher Hoffnungen fahren die jungen Leute nach Erez-Israel, um die heißgeliebte Erde des Landes zu beackern; hebräische Lieder singen sie. Die jungen Mädchen, die auf dem Schiffe sind, haben sich zu jenen gesellt und begleiten den Gesang mit ihren sammetweichen Stimmen, den Stimmen jüdischer Mädchen. Auf dem Deck spaziert ein „Gelehrter"; er kennt Palastina, kommt nicht zum ersten Male hin. Die Gruppe der Juden blickt er liebevoll an, als wären sie seine Schützlinge: „Ja, die Kinder da, die freuen sich, nach Erez-Israel zu kommen." Dann bleibt er in einer Ecke stehen und lauscht bewegt ihren Liedern. — Weithin leuchtet zitternd das Licht aus dem Zelt, das der Pascha von Damaskus für seinen Harem hat aufstellen lassen . . . Alles ist in unruhiger Erwartung, nur der Kapitän steht ruhig auf seinem Posten und beobachtet den Kurs des Schiffes, und der hohe, schwarze Mastbaum wirft seinen gespenstig-langen Schatten auf das dunkle Meer ... Ich und alle andern, wir haben das Gefühl, als wären wir verirrte Kinder, die irgendwo in fremdem Lande gefangen waren und nun nach langem Fernsein wieder in Mutters Stube zurückkehren sollen . . . und ich - ich kenne meine Mutter noch gar nicht. . . Und so harren wir alle, jedes Volk und jeder Glaube in einem anderen Winkel, auf die Sonne, die uns aufgehen soll über den Bergen unseres Heimatlandes . . . Schon merkt man, wie der nahe Tag den Himmel bleicht, und des blassen" Himmels Widerschein bleicht auch das Meer. Doch im Hintergrunde ragt etwas, wie der schwarze Schatten eines Riesen schreckhaft empor, und zitternd spiegelt i§as Meer dies dunkle Bild ab. Doch der Tag wird heller und des Riesen Bild tritt scharf aus dem Schatten hervor mit mächtigen spitzen Zacken - jetzt beleuchtet der Tag riesige Schneeberge, die hoch in die Wolken hineinragen. Der junge Tag badet sich in dem Schnee des Berges und goldiger Glanz glitzert auf dem Firn. Ich weiß wirklich nicht, aus wessen Brust es sich zuerst entrang: „Der Libanon!" Und alle, Groß und Klein, Jude und Christ, stürzen hastig an den Schiffsrand; die einen breiten die Hände aus, andere lassen 274