Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 11-12
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 4)
- Language
- German
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Den Hauptvorteil von der jüdischen Immigration hatten die Araber der Städte. Der Zuzug bedeutete für sie eine ganz außerordentliche Steigerung des Wertes der von ihnen besessenen Häuser und Bauplätze und eine enorme Vermehrung der Arbeitsgelegenheiten und Erwerbsmöglichkeiten. In den Städten sind auch im allgemeinen die Araber zufrieden mit der jüdischen Einwanderung, welche manchem von ihnen zum Reichtume und vielen zu früher nicht gekannter Auskömmlichkeit verholfen hat. Daher ist auch in den Zentren der städtischen Judeneinwanderung ein starker Zufluß von Arabern zu konstatieren, welche hier einen leichteren und besseren Erwerb finden. Erst in der neuesten Zeit entstehen infolge der fühlbar werdenden Konkurrenz zugewanderter jüdischer Arbeiter und Handwerker sowie als Rückschlag der allgemeinen arabischenStimmung gegen die Juden Mißhelligkeiten. Auf dem Lande nämlich entwickeln sich die Verhältnisse zur Zeit wenigstens dahin, daß es zu ernsten Interessenkonflikten zwischen Arabern und Juden gekommen ist. Auf dem Lande führt der Araber, d. h. der halb oder ganz seßhafte Fellache und der zuwandernde Beduine ein sehr kümmerliches Dasein. Der Ackerbau wird in primitivster, extensiver Weise betrieben und ergibt demgemäß nur einen sehr ärmlichen Ertrag. Der Unterschied zwischen Mein und Dein wird nicht sehr ernst genommen und das Abweiden fremder Felder oder das Fahren über bebauten fremden Boden, wenn die Straßen unpraktikabel geworden sind, oder wenn m^n sich den Weg abkürzen will, sind gang und gäbe. Der Boden steht selten im Eigentume des Bebauers, sondern gehört gewöhnlich dem Großgrundbesitzer, dem Effendi in der Stadt, welcher das Land in Chartin, d. i. in Pacht gegen Zahlung eines Fünfteis des Bruttoertrages als Pachtschilling dem Fellachen übergibt. Von dem Ueberreste des Ertrages hat der Fellache den Oscher zu zahlen, eine Steuer, welche infolge ihrer Höhe und noch mehr infolge der verderblichen Ait ihrer Einhebung auf den Wohlstand direkt vernichtend wirkt. Ereignet sich einmal eine Mißernte, so gerät der Fellache leicht in Wucherschulden, aus denen er nicht mehr herauskommt, oder es verlassen ganze Dörfer ihren Besitz und machen sich auf und davon, um der Brandschatzung durch den Steuereinnehmer zu entgehen. Unter diesen Verhältnissen bedeutete die Gründung der jüdischen Kolonien einen Segen für die Fellachenbevölkerung. Die intensive Art der Bodenbearbeitung, insbesondere die Anlage und Erhaltung der Pflanzungen und der Bau von Häusern uod Wirtschaftsgebäuden boten reichlich Gelegenheit, Araber als Arbeiter zu beschäftigen, insbesondere da die Kolonisten in fiüherer Zeit selber zumeist physisch nicht mitarbeiteten. Die Notwendigkeit, sich vor arabischen Diebstählen zu schützen, führte dazu, daß man in allen Kolonien Araber als Wächter anstellte. Durch den erhöhten Touristenverkehr boten sich weitere Erwerbsgelegenheiten. Kurz, jede jüdische Ansiedlung war ein Glück für die umgebenden arabischen Dörfer, da der Lohn der Arbeit trotz seiner Niedrigkeit für den Fellachen bei seiner Bedürfnislosigkeit weitaus lockender und rentabler war als der Anbau des eigenen Bodens. Wenn auch infolge der Wildheit der Araber und ihrer Verachtung aller Schwachen .und Wehrlosen, wofür sie die unbewaffneten Kolonisten hielten - sie selber, ob arm oder reich, 261