Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 11-12
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2379786-2379827-2379837-2415478--03314-2415540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ständig die türkische Herrschaft zur Geltung gelangt ist, den lokalen Eehörden einen weiteren Beweis der Nützlichkeit der jüdischen Einwanderung liefern. Der Türke ist überhaupt kein Judenhasser, wie er überhaupt bei seiner ganz außerordentlichen Toleranz nur einen Haß kennt, den Haß gegen die Christen, mit welchen er sich seit über einem halben Jahrtausende in einem fortwährenden, erbitterten Kampfe befindet, heute in einem Kampfe um seine eigene Existenz. Der Umstand, daß der jüdische Einwanderer größtenteils den Bedrückungen und Verfolgungen des christlichen Europa, des türkischen Erbfeindes, entwichen ist, knüpft ein weiteres Band der Sympathie von den Türken zu den Juden, welche einerseits auf die geschilderte Interessengemeinschaft und anderseits auf die mit Recht vermutete Gefühlsgemeinschaft gegenüber dem gemeinsamen Gegner beruht Die türkischen Behörden im Lande sehen im Juden einen stillen Bundesgenossen und behandeln ihn daher mit der größten Freundlichkeit und Zuvorkommenheit. In gesellschaftlicher und politischer Hinsicht sind die Beziehungen zwischen Türken und Juden die denkbar besten und das Ansehen der Juden bei den Behörden ist wesentlich größer als das der einheimischen moslemschen Araber. Wenn man trotzdem von Einfuhrverboten und von Schwierigkeiten beim Kaufe von Grund und Boden fortwährend hört, so sind dies immer Maßregeln der türkischen Zentralregieruug, welche schlecht informiert ist und die Lage im Lande nicht übersieht. Außerdem unterliegt Konstantinopel antijüdischen, christlichen und arabischen Einflüsterungen und reagiert leider auch auf jüdische verleumderische Denunziationen. Die lokalen Behörden kümmern sich aber so wenig als möglich um diese Verbote, wenn sie es auch als Anlaß zum Empfange von Bakschisch benützen. Trotz des Einwanderungsverbotes z. B. ist kein Fall bekannt worden, daß man einen solchen unbefugten Einwanderer aus dem Lande gewiesen hätte. Mit einem roten Zettel versehen, welcher die Erlaubnis enthielt, sich als Pilger durch höchstens drei Monate im Lande aufzuhalten, siedelte man sich in vollster Oeffentlichkeit an and reichte bei der Behörde um Bewilligung zum Baue von Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden ein. Es ist nur zu bedauern, daß man sich durch die papierenen Schreckschüsse aus Konstantinopel so lange von intensiver Kolonisationsarbeit abhalten ließ. Die Zahl der Türken im Lande ist eine verschwindend geringe und während bis vor kurzer Zeit ausschließlich Türken zu Beamten und Offizieren ernannt wurden, beginnen, allerdings sehr langsam, Araber in den Verwaltungsdienst einzudringen, und diese verhalten sich, wie bald erörtert werden wird, den Juden gegenüber wenig freundlich. Der Araber ist kein Judenfeind. Man könnte sogar behaupten, daß er infolge seiner Sprach- und Rassenverwandtschaft sowie des gemeinsamen Gegensatzes zum Christentume eine gewisse Sympathie für das Judentum empfindet. Auf sein Verhältnis zum Jischub sind aber verschiedenartige Momente von Einfluß, welche einmal eine Interessengemeinschaft und das andere Mal eine Kollision widerstreitender Interessen enthalten. 260