Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 5)
- Language
- German
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richtung eines kleinen jüdischen im europäischen Stile gehaltenen Vierteis geschritten. Ein Bild der unsäglichsten Armut und hoffnungslosester Not biete: Saffed, wo zirka 10.000 ausgehungerter Juden in unglaublichster Enge zusammengepfercht sind.~~Der Araber nennt charakteristischerweise die Saffeder Chalukahjuden „tote Kinder". Daß unter diesen in Hunger und Schmutz verkommenden Massen nicht dezimierende Epidemien ausbrechen, ist einzig und allein dem gesunden Klima Saffeds zu verdanken, welches wohl die am höchsten und schönsten gelegene Stadt Palästinas ist. Einen etwas geringeren Grad von Armut und wesentlich bessere Aussichten weist Tiberias auf. Dort hat die Nähe zahlreicher alter und neugegründeter Kolonien, unter den letzteren Mizpah, Daiaika und Kineret eine Belebung des Handels hervorgerufen. Die Kolonisten, die Arbeiter und insbesondere die Metayers, welche noch keine eigenen Häuser haben, kommen oft nach Tiberias, um dort ihre Bedürfnisse zu decken. Auch der Touristenverkehr hat stark zugenommen, insbesondere da man die in der nächsten Nähe befindlichen Schwefelthermen rationeller auszunützen beginnt. Auch die Nähe der Eisenbahn in Samach, welches mit dem Boote in eineinhalb Stunden zu erreichen ist, hat eine gewisse Belebung des Verkehres, eine Vermehrung der Erwerbsgelegenheiten hervorgerufen. Die sanitären Verhältnisse in den Städten sind wesentlich schlechter als in den Kolonien. Infolge des Schmutzes und der Staubplage, welch letztere im Sommer sehr empfindlich ist, mehren sich die Augenkrankheiten. Das schlechte Trinkwasser fördert das Auftreten des Fiebers. In Jerusalem und in Saffed herrscht direkt Wassermangel. Dort ist der ärmere Teil der Bevölkerung, das heißt beinahe die ganze Judenheit, auf den Genuß von Zisternenwasser angewiesen. Wenn in einem Jahre der Malkosch, das ist der Spätregen, nur spärlich ausfällt, dannn wird der Wassermangel während des Sommers direkt zu einer Kalamität und verursacht zum Beispiel in dem sonst sehr gesund gelegenen Jerusalem viele Fiebererkrankungen. Eine Abhilfe wird erst eintreten, wenn in Jerusalem die bereits geplante Wasserleitung ausgebaut werden wird. Die Einwirkung des Jischub macht sich in zweierlei Richtung bemerkbar, einmal in materieller, in der kolossalen Steigerung der Bodenpreise in den städtischen Zentren des Jischub und das andere Mal in moralischer Hinsicht, in dem Eindringen des Prinzipes der Arbeit als Erhaltungsmittel an Stelle des Almosenempfanges, der Chalukah. Speziell in Jerusalem und Jaffa, in der letzten Zeit auch in Haiffa sind Bauplätze enorm im Preise gestiegen. Es gibt Plätze, welche man vor 20 Jahren zu einem Metallik, das ist zu fünf Heller die Quadratelle erwerben konnte und die heute oft wegen ihrer günstigen Lage mit dem Hundertfachen, das ist mit fünf Frcs. die Quadratelle bezahlt werden. Es wird überhaupt in den genannten Städten keine Stelle geben, deren Preis sich in den letzten Jahren nicht verdoppelt und verdreifacht hätte. Profitiert haben davon die früheren Besitzer, meistens Araber und Griechen, aber auch manche sephardische und in der letzten Zeit auch einige aschkenasische Juden haben durch Grundspekulationen ein schönes Vermögen erworben. 224