Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 3)
- Language
- German
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kommen sind. Durch das rapide Wachstum der Stadt ist auch eine starke Bautätigkeit, eine Belebung von Handel und Gewerbe entstanden, welche eine Anziehung für immer neue Einwanderer bilden. Nirgends sind die Folgen der Diaspora so augenfällig wie in Jerusalem. Jerusalem ist eine Art von Kaleidoskop, in welchem sich die Judenheit der ganzen Welt in ihrer durch die Zerstreuung hervorgerufenen Verschiedenheit wiederspiegelt. Je nach der Gegend, aus welcher sie stammen, wohnen die Juden aller. Länder in besonderen Quartieren und die Unterschiede in Sprache, Gewohnheiten, Kleidung, Beschäftigung, religiösen Minhagim treten grell hervor. Neben den aschkenasischen Juden, von denen die ungarischen, galizischen und russischen ihre besonderen Quartiere, ihre besonderen Batei-Midrasch und „Klausen" haben, gibt es Quartiere der sephardischen Juden, der einheimischen wie der spaniolischen, der arabischen, marokkanischen, der Jemeniten, Bucharer, Perser und Kaukasier. Und doch ist die Einheit inmitten der Sprachen Verwirrung und Kleidungsmaskerade unverkennbar. Das schönste der Judenquartiere ist das bucharische mit geräumigen, solid gebauten Häusern, zu welchen häufig prachtvoll gehaltene Gartenterassen gehören; das ärmlichste Quartier ist das der Jemeniten, welches aus zerfallenen Hütten besteht, das schmutzigste bilden die Häuser in der Altstadt, wo es einem Europäer undenkbar erscheinen könnte, daß hier Menschen wohnen und auf die Dauer existieren können. Störend wirkt auch auf den tolerantesten Juden die maßlose Ausbreitung der christlichen. Propaganda in Jerusalem. Zahllose Kirchen, Klöster und Hospize, Spitäler und Schulen haben die einzelnen christlichen Konfessionen in Konkurrenz, teilweise auch zum Zwecke der Seelenfängerei, errichtet und fortwährend werden neue Prachtbauten aufgeführt. Alle besten und schönsten Plätze Jerusaleums sind mit diesen Gebäuden besetzt, obwohl praktische Erfolge hiebei nicht erzielt werden. Die Zwecklosigkeit des ganzen Systems liegt klar zu Tage. Jerusalem wird nie eine christliche Stadt werden und trägt schon heute den deutlichen Charakter der jüdischen Stadt, aber störend wirkt es, daß die tote Hand jene Teile der Stadt ergriffen hat, welche sonst für ihre weitere Entwicklung hätten genützt werden können, so aber gewissermaßen nur ein Hemmnis der Entwickwicklung bilden. Die ökonomische Lage der jüdischen städtischen Bevölkerung ist eine äußerst traurige. Das Gros d. i. beinähe sämtliche aschkenasische Juden leben noch immer von der Chalukah, deren Ergebnis in den letzten Jahren mehr oder weniger stationär geblieben sind. Gleichzeitig sind aber in den letzten Jahren die Lebensbedingungen durch die enorme Steigerung des Bodenwertes und die daraus resultierende Verteuerung der Wohnungen, sowie durch die Verteuerung sämtlicher Lebensmittel wesentlich erschwert worden. Von der Chalukah entfallen auf eine Familie von fünf Köpfen 40 Frcs. monatlich, eine Summe, welche unter den heutigen Verhältnissen unmöglich zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse ausreichen kann. Infolge dessen herrscht in den Chalukahzentren in Jerusalem, Tiberias und Saffed eine ganz außerordentliche Not. Am größten ist sie in Jerusalem und Saffed. Trotzdem man aber in buchstäblichstem Sinne vor Hunger ver- 222