Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
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die konsequente Durchführung des Metayagesystems läßt sich die günstigste soziale Schichtung auf dem Lande erzielen: keine Klasse von Besitzern, eventuell Großgrundbesitzern auf der einen neben aussichtslosem Laudproletariat auf der anderen Seite, keine Erbteilung und hiedurch Zerstückelung des Bodens in unwirtschaftlichen Zwergbesitz, welcher bindet und nicht ernährt, sondern wirtschaftlicher. Mittel-- besitz des Bodens in den Händen derjenigen, welche ihn bearbeiten. Das Arbeiterstadium soll eine Art Gesellenstadium, einen Uebergang zur Selbständigkeit bilden. Dies entspricht auch am besten der Psychologie unserer Massen. Der Jude wird sich in die Wesensart des Proletariers, welcher es immer bleiben soll, niemals ganz einleben können, er ist und bleibt innerlich immer der selbständige Unternehmer und wird immer dieser Stufe zustreben, unbeschadet seiner sonstigen höchst sozialen Instinkte. Damit soll zur Schilderung der Lage der jüdischen Arbeiter in den Kolonien übergegangen werden. Bis vor wenigen Jahren — bis auf die ersten Jahre der Kolonisation — hat es gar keine oder nur verschwindend wenige jüdische Landarbeiter gegeben. Die Arbeit wurde durchwegs von gemieteten arabischen Arbeitern, zum geringeren Teile auch von den „Ze'irimu und den Kolonisten selbst verrichtet Bei der großen Bedürfnislosigkeit des Fellachen war der Arbeitslohn ein sehr geringer. Außerdem hatte die Verwendung der Araber die weitere Bequemlichkeit, daß man sie jederzeit entlassen konnte, daß sie nach getaner Arbeit in ihre Dörfer zurückkehrten und kein Gegenstand weiterer Fürsorge und Beachtung seitens der Kolonisten zu sein brauchten. Schließlich bewirkte die Beschäftigung von Arabern ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis der letzteren von den Kolonisten, so daß sich bei einem Interessengegensätze zwischea Kolonisten und Arabern die letzteren von Gewalttätigkeiten und offenkundiger Feindseligkeit zurückhalten mußten. Seit den Pogromen in Rußland ist ein stärkerer Zufluß von jüdischen Arbeitern bemerkbar, welcher in den letzten Jahren mit der Zunahme der Intensität der Palästinabewegung sehr stark gestiegen ist. Das Arbeitermaterial, welches zum größten Teile aus Rußland kommt, stellt in vielen Beziehungen die Elite unseres Volkes dar: Idealisten reinsten Wassers, reine Charaktere, selbstbewußt, intelligent, mutig, kräftig, im höchsten Grade kameradschaftlich, genügsam und keusch, andererseits aber leider auch etwas übertheoretisiert in maixistischen und anderen ■sozialen und nationalen Schablonen, stark revolutionär, freigeistig, aber oft unreif, die Neuheit der Verhältnisse verkennend. Ihr Losungswort, vielleicht das ethischeste, welches die jüdische Renaissance gezeitigt hat, ist: „Chibusch Haawodah", die Eroberung der Arbeit in Palästina für den jüdischen Arbeiter. Sie kämpfen für dieses Ziel noch jetzt unter sehr widrigen Bedingungen. Die Lebenshaltung des jüdischen Arbeiters beansprucht naturgemäß bei aller Genügsamkeit einen wesentlich größeren Aufwand als die Lebenshaltung des Arabers. Diesen letzteren kostet die Wohnung nichts, die 202