Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2379786-2379827-2379834-2415253--03138-2415301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gärten, aber der Typus der Bauerntochter, in deren natürlichen Wirkungskreis die Arbeit in Kuhstall und Hof gehört, ist noch nicht vorhanden und die Mädchen führen beinahe ausnahmslos das Leben unserer jüdischen Mädchen in den kleinen Städtchen. Eine Ausnahme bilden hiebei eine geringe Anzahl, jüdischer. Arbeiterinnen, welche im Felde die gleiche Arbeit wie die Männer verrichten. Die sanitären Verhältnisse in den Kolonien sind sehr befriedigende. Das Klima ist wohl im Allgemeinen sehr heiß, die Hitze wird aber nicht so lästig und drückendempfunden wie irgend anderswo. Dies hängt mit dem Umstände zusammen, daß die Luft in den meisten Kolonien sehr trocken ist, so daß der von der Hitze verursachte Schweiß sehr rasch verdunstet, wobei dem Körper Wärme entzogen wird. Außerdem weht in den heißen Monaten regelmäßig von 12 Uhr mittags angefangen, ein kühler Seewind Land einwärts, welcher die Temperatur abkühlt und mit frischer Seeluft Menschen und Tiere erfrischt. Unter der Hitze leiden wirklich nur die wenigen in der Jordansenke gelegenen Kolonien, wo die vorstehenden Gebirgsrücken den Zutritt der Seebrise verhindern und die Menschen gezwungen sind, bei Nacht im Freien, meistens auf den Dächern oder den Terassen, zu schlafen, um wenigstens ein bischen von der drückenden Schwüle aufzuatmen. Die Mortalität ist in den Kolonien eine sehr geringe und Krankkeiten sind verhältnismäßig selten. Die Augenkrankheiten, derentwegen Palästina so berüchtigt ist, fehlen beinahe vollständig. Ich wenigstens habe in den Kolonien keinen einzigen jüdischen Blinden gesehen. Es ist dies vor allem der größeren Reinlichkeitzuzuschreiben, welche, in. den Kolonien herrscht, ebenso dem Umstände, daß den Schulkindern regelmäßig von den Kolonieärzten die Augen untersucht und bei der mindesten verdächtigen Erscheinung prophylaktisch und therapeutisch behandelt werden. Die einzige Krankheit, welche die noch nicht Akklimatisierten plagt,, ist die Malaria, ein in den meisten Fällen ungefährliches Wechselfieber, (welches in gewissem Sinne mit unserer Influenza verglichen werden kann. Allerdings gibt es auch perniziöse Formen von Malaria (Schwarzfieber)» welche eine Zeit lang viele Todesfälle verursacht haben. Herde dieser Malaria sind sumpfige Gegenden, in deren faulen Wässenr der mutmaßliche Krankheitserreger, die sogenannte Anophelesmücke gedeiht. Die größten Verheerungen hat die perniciöse Malaria bis vor kurzem in Chederah angerichtet, einer Kolonie, welche eine ganz eigenartige Tragik aufzuweisen hat. Chederah ist auf sumpfigem Terrain gegründet worden und noch heute von Sümpfen umgeben. Von der ursprünglichen Anzahl von 160. Kolonisten — das Gebiet der Kolonie ist ein sehr ausgedehntes, etwa 5000 Joch umfassendes — sind kaum etliche 40 in der Kolonie geblieben. Die übrigen sind größtenteils ausgewandert, ein Teil gestorben. Aber auch von den zurückgebliebenen hat jeder einen oder mehrere Tote unter seinen nächsten Angehörigen zu beklagen. Es gibt sogar einen, dem die Malaria Eltern und sämtliche Geschwister geraubt hat und der ganz allein zurückgeblieben ist. In Chederah gibt es keine, arten Leute, 173