Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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Kolonisten der Geldertrag seiner Wirtschaft, der erzielte Gewinn. Er ist deshalb neueren, rationelleren Wirtschaftsformen zugänglicher und wechselt ohne weiters den Anbau oder dessen Formen, wenn er größere Rentabilität zu erzielen hofft. Er kalkuliert und hat vollen Sinn für die spekulativen Möglichkeiten des Bodenbesitzes und der Landwirtschaft. Auch nach anderen Richtungen hin ist sein geistiger Horizont ein weiterer. Er hat volles Verständnis für die Interessen der Allgemeinheit und nimmt an den öffentlichen Angelegenheiten regen Anteil. Die Verwaltung der Kolonie, die Angelegenheiten des Gesamtjischub und die allgemeine Judenfrage sind Gegenstände seines fortwährenden Interesses. Den Associierungsgedanken hat er sehr leicht in sich aufgenommen und bildet sehr gern Genossenschaften, um gewisse wirtschaftliche Zwecke leichter und besser zu erreichen. Die „Agudat Hakormin", der „Pardes", die „Agudat Netaim", die genossenschaftlichen Leihkassen, genossenschaftliche Verkaufsstellen, Vereinigungen zu gemeinsamem Bodeneinkaufe oder zu gemeinsamer Anlage von Pflanzungen sind Beispiele für die soziale Reife unseres Bauernstandes. Am stärksten drückt sich aber der Gemeinsinn unseres Neujuden in der Institution des „Waad" aus. Der Waad ist ein von den Kolonisten gewählter Ausschuß, welcher gewissermaßen die Ortsobrigkeit bildet und dem die Verwaltung aller „Zorchej Hazibur", d. i. der Bedürfnisse der Allgemeinheit obliegt. Die Kolonien besitzen die weitgehendste Autonomie, welche man sich nur denken kann. Die Regierung hebt nur ihre Steuern ein, sonst mengt sie sich in die Angelegenheiten der Kolonie überhaupt nicht ein. Es herrscht die vollständigste individuelle Freiheit. Jeder kann tun und lassen was er will. Die Ordnung wird aber durch den „Waad" erhalten, dessen Autorität sich jedermann, wenn auch manchmal widerwillig, fügt. Die Funktionen des Waad sind ungemein umfassend. Er. verwaltet das Schul-, das Sanitäts- und das Polizeiwesen, die Bewachung der Kolonie, die Synagoge; Schächter, Arzt, Apotheker und Lehrer werden von ihm eingesetzt, er schlichtet die Streitigkeiten unter den Kolonisten, läßt Straßen und Wasserleitungen anlegen und verwaltet sie, besteuert die Kolonisten für die Zarchej Hazibur und zieht die Beiträge ein, er beruft und leitet die Versammlungen der Kolonisten, auf welchen allgemeine. Angelegenheiten, auf Grund vom Waad vorbereiteter Referate besprochen und in wichtigeren Fällen Entscheidungen getroffen werden. Es geht hiebei nicht immer idyllisch zu und Gegensätze, insbesondere zwischen den Alten und Jungen sind wohl vorhanden. Im Frühjahr 1909 gab es sogar einen regelrechten Wahlreformkampf in den meisten Kolonien, um Erlangung des Wahlrechtes in den Waad auch für solche Personen, welche, ohne Grundbesitzer zu sein, eine gewisse Zeit in der Kolonie ansässig sind und zu den Zorchej Hazibur beitragen. Bezeichnend aber ist es, daß seit dem Bestände der Kolonien, also seit beinahe einer vollen Generation, die türkischen oder die Konsularbehörden nicht ein einziges Mal in einer internen Angelegenheit der Kolonie oder bei einem Streite 170