Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 1)
- Language
- German
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Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina. Von Dr. Alex. Hausmann-Lemberg. Die Kolonien II. Das Menschenmaterial der Kolonien ist mit sehr geringen Ausnahmen ein ganz vortreffliches. Die meisten Ansiedler sind aus hohem Idealismus ins Land gekommen, um unmittelbar und persönlich an der Wiedergeburt des Volkes im eigenen Lande mitzuarbeiten. Aber das Leben hat der älteren Generation, den ersten Ansiedlern, sehr übel mitgespielt. Ohne Kenntnis der Landesverhältnisse, ohne Kenntnis der Landwirtschaft haben sie oft die ärgsten Böden, wie in Rischon Lezion, Petach Tikwah und vielen anderen Kolonien aufgekauft und gleich von Anfang an viele schwere Fehler gemacht, z. B. zum Körnerbau völlig ungeeigneten Boden mit Getreide bestellt. Die mitgebrachten Mittel gingen sehr bald aus und sie, die Idealisten, welche kamen, um dem Volke eine Existenz im Lande vorzubereiten, mußten den Baron um Hilfe angehen, um sich selber die Erhaltung zu ermöglichen. Die Freigebigkeit des Barons, die Mißwirtschaft seiner Administratoren, vor allem die vollständige Abhängigkeit von einem fremden Willen, der Verlust aller Selbständigkeit und Einflußnahme auf die eigensten Angelegenheiten, der Zwang der Unterwerfung und der Liebedienerei haben dann moralische Verderbnis verbreitet und die Neigung hervorgerufen, die Dinge gehen zu lassen, wie sie eben gingen und alle Hoffnung auf den guten Willen des Barons und seine ewig offene Hand zu setzen. Erst als das System der Wohltätigkeit und der Abnahme aller Verantwortung für die eigenen Handlungen und Unterlassungen vollständig bankrottierte, wurde die Luft von der moralischen Seuche gereinigt und heute bieten die „baronischen Kinder", wie diejenigen Kolonisten genannt wurden, welche viele Jahre von dem Gelde des Barons lebten, nicht mehr das traurige Schauspiel von ehedem. Spuren der moralischen Vergiftung sind noch in ihnen geblieben, aber auch den alten Idealismus hat das Leben nicht auszurotten vermocht. Und so stellt die alte Kolonistengeneration eine Mischung vor, welche Helden und Invalide des Lebens in sich vereinigt. In jenen Kolonien hingegen, wo man vom Baron keine Unterstützungen genommen hat, wie z. B. in Katra, blüht noch das alte Idealistengeschlecht, und zwingt einem volle Achtun.g vor den Möglicheiten ab, welche si c Jh das Judentum noch bewahrt hat. Wie in Lebenshaltung und äußerem Gehaben, in Kleidung und Benehmen, unterscheidet sich der Kolonist auch in seinem inneren Wesen gänzlich von dem, was bei uns gewöhnlich als bäuerlich angesehen wird. Er hat überhaupt nicht die Psychologie des Bauern, sondern eher di e eines Handwerkers, welcher für den Markt produziert. Es ist etwas Händlertum untermischt und - das wichtigste ist unsere m 169