Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der Jude in seinem Lande
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 5)
- Language
- German
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sehe, entwicklungsfähige Eigenkultur zu werden. Auch die Essenz europäischen Kulturlebens — sofern sie in Palästina verbreitet werden könnte — genügte hiezu nicht und bedürfte noch anderer Kräfte. Aber auch die in Osteuropa wurzelnde geistig-literarische Modernkultur der Gegenwart wird dazu nicht fähig sein — denn sie ist eine in gewissem Sinne aus dem Leben herausgesteigerte, aber nicht selbst volle Lebenskultur. Dennoch wird die Judenheit Palästinas natürlich der mitgebrachten Kulturmomente nicht entraten können. Nicht nur aus dem äußeren Grunde, weil sie eben schon mitgebracht werden, sondern auch aus dem tieferliegenden, weil das Judentum selbst gewissermaßen nur an das anknüpfen kann, was es bis zum heutigen Tage geworden ist. Was die objektiven Resultate westlicher Zivilisation und Kultur betrifft, so soll es unser Grundsatz sein, daß uns nur das Beste gut genug sei. Jede Übertragung ist schon eine Verminderung, diese soll also durch Dilettantismus nicht noch gesteigert werden. Es kommt nicht auf Kulturquantitäten, sondern auf die Werte an. Dies gilt für alle Wege der Volksaufklärung, insbesondere für die Schulbildung. Es wird auf manchen Gebieten aus eingewurzelter Verehrung der lauten Werte noch recht viel gesündigt. Die „eingeführte" Kultur soll vor allem dem Leben dienen, es harmonisieren, reinigen und erhöhen. Dazu bedarf es weniger, aber bester Keime. Lebensform und Lebensart sollen die sichtbare Form sein für das Wachsen von Kultur. Auch die national-jüdische Geisteskultur kann nicht wahllos eingepflanzt werden. Eine vorherrschende Richtung verwirft, halb aus gutem Instinkt, halb aus Tendenz, auf das entschiedenste das Fortleben des Jargons. Der Jargon ist eben das sichtbarste Zeichen des im Golus verkümmerten jüdischen Volksgeistes. Auch er wird nicht ganz verschwinden, — wenigstens im Golus nicht — solange eben der Volksgeist selbst erst auf dem Wege der Verjüngung sich befindet. Der Jargon ist aber auch nur ein Erbteil des Golus. All unsere Lebensformen, und sogar die modern-jüdische Kuiturbewegung, trägt in ihrem Objekt noch soviel des Golus in sich, daß dieses für in Palästina aufwachsende Generationen allmählich unverständlich wird. Sie sollen auch nicht zuviel mit diesem Geiste in Verbindung treten. Er ist ffür sie »höchtens Erinnerungs-, kein Lebensgut. Ist noch keine eigenbürtige Literatur da, dann ist eben die Zeit dafür noch nicht da. Eine Literatur wie die Ibis zum heutigen Tage, wird aber;— bis auf wenige Ausnahmen — morgen nicht ganz die eigen-jüdische sein können. Diese wird freier, einfacher sein, das Komplizierte, das Übertriebene an Verstand oder Sentimen- 155