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Palästina · 1910-01-01 · Heft 8 · p. Seite 154

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
7 (1910)
Issue
Heft 8
Article
Der Jude in seinem Lande
Date
1910-01-01
Page
Seite 154 (sequence 4)
Language
German
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nicht erreichen und erleben. Wo das Volk ganz aus sich heraus sich entwickeln kann und seine Entwicklung eben die ganze Mannigfaltigkeit des sozialen Lebens — sei es auch auf einfacher Stufe — umfassen wird, da muß das Leben von selbst Formen zeigen, welche die Züge dieses nationalen Wesens an sich tragen. Heute schon bringt es eine gewisse Freiheit von allen äußeren Hemmnissen des Lebens mit sich, daß dem jüdischen Volksleben gleichsam die volle Möglichkeit gegeben ist, seine eigene Formen neu zu entwickeln. Und steht eine solche Entwicklung auch erst in den Anfängen, so ist doch ein gewisses Glücksgefühl dieser „unbegrenzten Möglichkeiten" — trotz gewisser zeitweiliger Verstimmungen und ernster Gefühle der Schwierigkeiten des Kampfes — ein hervorstechendes Merkmal des neuen sozialen Lebens in Palästina. Die wichtigste Form des nationalen Lebens bildet die Sprache. Sie ist ein Stück natürlichen Lebens und zugleich schon reiner Spiegel des nationalen Geistes. Wenn der Jude imstande sein wird, in den Formen der hebräischen Sprache seinen Gedanken Gestalt zu geben, dann denkt er in einer Atmosphäre, die in Urzeit sein Volk sich zu eigen gemacht hat, er denkt in den Gedanken seines Volkes. Daß mit der Verlebendigung der hebräischen Sprache schon Großes, Erstaunliches erreicht wurde, auf zwar bewußtem, aber doch natürlichem Wege, ist jedem Kenner Palästinas zur Genüge bekannt. Nur nach einer Richtung hin ist dieser Prlozeß erst eigentlich im Entstehen. Die Sprache selbst wird sich aus den Formen der bloßen Literatur einerseits, aus dem Stadium einer wenn auch nur gedanklichen Uebersetzung dahin umgestalten, daß das Individuellste und das Allgemeinste sich unmittelbar und organisch in ihr ausprägen. Es ist sicherlich ein Hauptfaktor der Wiederbelebung, daß die Natur des Landes und die Art des neuen, einfacheren Lebens, daß die neugeweckte Seele selbst in den Formen der eigenen Sprache am feinsten und sichersten zu uns spricht. Und wirklich lebt in der Atmosphäre Palästinas die hebräische Sprache ganz anders auf als dies im Golus auch nur irgendwie möglich wäre. So kann die Sprache Voraussetzung und Form einer Kultur werden. Viel weiter, aber auch rätselvoller sind die Perspektiven einer neuen Kulturmöglichkeit selbst. Es ist unmöglich, eine eigene Kultur „einzuführen", aber auch nicht richtig, daß eine Kultur nur „von selbst wachse". Und weder eine farblose oder ein bischen jüdisch überfärbte allgemeine, noch eine jüdische Kultur im heutigen Golussinne des Wortes könnte den Anspruch erheben, judi- 154

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