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Palästina · 1910-01-01 · Heft 6-7 · p. Seite 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
7 (1910)
Issue
Heft 6-7
Article
Zeugen wider Palästina
Date
1910-01-01
Page
Seite 117 (sequence 3)
Language
German
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Kairo in einem erstklassigen Hotel an Opera Square logiert, haben, in Jaffa bei Hardegg oder — horribile dictu — bei Kaimnitz absteigen zu müssen. Gar nicht auszudenken aber, wenn man erst im Innern des Landes immer mehr auf jeden Komfort verzichten oder gar einmal in einem kleinen Gasthof übernachten muß! Bequemen Europäern sind auch die Beförderungsmittel eine ständige Quelle von Aerger und Mißstimmung. Schon die langsam fahrende Bahn ärgert sie — wie aber erst, wenn sie von Haifa aus stundenlang zu Wagen auf aufgeweichtem, schmutzigem Boden, in den die Räder tief einsinken, querfeldein gen Nazareth fahren! All diese Kleinigkeiten dürfen nicht als belustigende Nebensächlichkeiten bei Seite geschoben werden, denn es ist eine psychologisch wohlbegründete Erfahrungstatsache, daß sie die seelische Disposition des Reisenden stark beeinflussen, und daß sich auch höher stehende Menschen halb unbewußt bei der Bildung ihres Urteils von ihnen mehr oder minder beherrschen lassen. Vor einigen Jahren wurde in Breslau von einem angesehenen Manne ein Vortrag über eine Palästinareise gehalten; der Vortrag kam sogar zu einem großen Teile in „Ost und West" wörtlich zum Abdruck. Da wurde in grellen Farben eine schaurige Verzweiflungsszene ausgemalt: Eine Anzahl älterer Herren und Damen war nämlich auf der Wagenfahrt von Haifa nach Jaffa von der Dunkelheit überrascht worden und konnte nur mit Mühe den Weg zur deutschen Kolonie finden. Nun ist diese Straße zwar eine der besten und sichersten im Lande, auch waren die Reisenden schon nahe am Ziele. Aber in dem Vortrag wurde diese kleine Affäre mitsamt den Schreikrämpfen, die einige Damen befielen, und den Großtaten der mutigen Retter in einer Form dargestellt, daß das staunende und bewundernde Publikum einen Bericht Sven Heddins über seine Tibetreise zu vernehmen glaubte. Der „Ost und Wesf-Leser müßte ein Held sein, der nach dieser abschreckenden Lektüre sich noch zu einer Palästinareise entschließen könnte. Ich wiederhole, daß durchaus nicht alle Reisenden auf niederem Niveau stehen, die sich in ihrem Urteil von solchen Seelenstirrrmungen völlig oder wenigstens unbewußt leiten lassen. Eine Art Prädisposition wird jedenfalls dadurch in ungezählten Fällen geschaffen. . Als ein weiteres ungünstig wirkendes Moment muß das unzweckmäßig zusammengestellte Reiseprogramm, die falsche Auswahl der zu besichtigenden Orte und Anstalten, die Uebergehung vieler wahrer „Sehenswürdigkeiten" zugunsten bedeutungsloser Schauplätze einer naiven Legende angeführt werden. Von großer Bedeutung ist hierbei schon die übliche Auswahl der Touren, wovon noch die Rede sein soll. Aber auch die Besichtigung der großen Städte, die nicht übergangen werden können, besonders von Jerusalem, erfolgt ja meist an der Hand des Bädeker, des einzigen Reisehandbuches, das — neben dem weit weniger verbreiteten Meyer — allgemein in Gebrauch ist und bisher durch kein besseres ersetzt worden ist. Dieser Bädeker aber zeigt eine wahre Virtuosität in der lückenlosen Uebergehung aller jüdischen Kulturtaten in Palästina. Der üdische Reisende vertraut sich in Jerusalem auch oft der Führung irgend 117

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