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Palästina · 1910-01-01 · Heft 6-7 · p. Seite 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
7 (1910)
Issue
Heft 6-7
Article
Zeugen wider Palästina
Date
1910-01-01
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
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jüdische Welt, die den Reisenden hier. in einer Form entgegentritt, die nur geeignet ist, seine kühl herablassende Haltung oder Mißstimmung gegen diese versunkene oder,.wie er glaubt, in ihren Ueberresten absterbende und degenerierende Welt zu nähren. Die einzigen Juden fast, die diese Touristen zu sehen bekommen, sind jene von Jerusalem, weil die Kolonien fast nie, Jerusalem aber wohl in jedem Falle besucht wird. Sie sehen also nur das schmutzige Judenquartier innerhalb der Stadtmauer oder draußen die unsauberen westlichen Kolonien, sehen Tausende von unproduktiven Juden, die, wie man ihnen erzählt, von der Wohltätigkeit der Juden des Abendlandes leben. Haben nun schon ohnedies viele europäische Reisende, besonders die Deutschen, die berüchtigte Neigung, alles, was anders ist als in ihrer Heimat, zu kritisieren und zu verspotten, stets und überall zu räsonnieren und besser zu wissen, so findet diese Neigung hier in dem Schmutz der Städte, in der Trägheit der Orientalen, dem Gezänk der Sekten, dem abergläubischen Gebahren der Gläubigen von 20 Konfessionen, in dem Lärm der Straße und der Aufdringlichkeit der Bettler überreiche Nahrung. Aber auch intelligente Menschen und ernste Naturen sind oft nicht imstande, sich in das fremdartige Wesen des Orientalen und in die Eigenart des Landes, in die ihrem Fühlen und Denken meist sehr fernliegenden Vorstellungen und Gewohnheiten liebevoll zu versenken. Fremd und unverständlich mutet sie alles in diesem fremden Lande an, zumal — und wir sprechen ja nicht nur von jüdischen Reisenden — wenn ihnen das semitische Element ohnedies nicht übermäßig sympathisch ist, selbst wo es ihnen in angenehmerer Form entgegentritt, als hierzulande. Man sollte nicht glauben, wie viele Reisende, sogar schon am Ort und Stelle, ihr Urteil über Jerusalem in die Worte zusammenfassen: eine unerträglich schmutzige Stadt! So lautete selbst das Endurteil, das mir gegenüber ein amerikanischer Professor der semitischen Sprachen, der sich mehrere Wochen in Jerusalem aufgehalten hatte, aussprach. Er sah immer nur den Schmutz unter seinen Füßen und nie die Pracht und Schönheiten über sich und um sich. Wir wissen übrigens aus sicheren und ausführlichen Quellen, daß es noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf den Straßen und Plätzen von Berlin, Marseille und ganz besonders von Paris., weit schlimmer aussah als im heutigen Jerusalem. Die verächtliche Neugier, mit der man förmlich manchen Reisenden das Land betrachten sieht, oder die allgemeine Mißstimmung gegen das Land, werden nun weiterhin durch einzelne unangehme Erlebnisse während der Reise genährt. Den einen überrascht, wie das in Palästina nicht selten ist, ein fürchterlicher Platzregen, der andere erlebt einige Schirokkotage, an denen der sengende, austrocknende Wirbelwind die Glut der östlichen Wüste, ins Land bringt. Auch die Landung vermag bereits dem bequemen Reisenden das Gleichgewicht der Seele zu rauben; denn bekanntlich ist nicht immer die Ausbootung in Jaffa eine angenehme Spazierfahrt, und oft liegt das Schiff tagelang vor Anker, ehe die Landung möglich ist. Die meisten Reisenden haben auch vor Palästina Aegypten besucht. In Kairo aber findet man die elegantesten Hotels der Welt, und es ist fürwahr ein bitteres Schicksal für die verwöhnten Herrschaften, die in 116

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