Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 6-7
- Article
- Zeugen wider Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2379786-2379827-2379833-2415156--03042-2415195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zeugen wider Palästina. Von Dr. Aron Sandler-Breslau. Alljährlich reisen Tausende von Westeuropäern nach Palästina, nur in den seltensten Fällen von dem Interesse geleitet, das Land auf seine Besiedlüngsfähigkeit zu prüfen und sich von dem Stande der bisherigen Kolonisation zu überzeugen. Wenn wir von jenen absehen,- die sich ausschließlich für die Vergangenheit des heiligen Landes interessieren, und andererseits von den Zionisten, die für die Kolonisation Palästinas auch dann eintreten, wenn dieses Land einen nicht eben sehr einladenden Eindruck auf sie machen würde, so stoßen wir auf die anscheinend sehr befremdliche Tat- Sache, daß viele, vielleicht die meisten Reisenden mit entmutigenden Berichten über das Land heimkehren, sich wenig liebevoll über dasselbe äußern, seinen heutigen Zustand und seine Eignung für die Kolonisation in absprechender Weise beurteilen und ihr ablehnendes Urteil zum Schaden der Palästinasache in Wort und Schrift verbreiten. Dabei gehören diese Reisenden keineswegs immer zu den urteilsunfähigen, ungebildeten Philistern und Parvenüs, die in großer Zahl die Reise ins heilige Land zu unternehmen pflegen, und man muß gestehen, daß dieses absprechende Urteil durchaus nicht immer von Mangel an fachmännischem Wissen und von Verständnislosigkeit zeugt. Wenn also glühende Palästinafreunde solche Schilderungen als tendenziös bezeichnen, so ist das Recht nicht immer auf ihrer . Seite. Auf das hörende und lesende Publikum wirkt es nun überaus verwirrend und entmutigend, wenn ein intelligenter Tourist das Land, das er aus eigener Anschauung kennt, als eine Steinwüste bezeichnet, dem es nach einer berühmt gewordenen Aeußerung an Regen und Schatten mangelt, wenn jede Aussicht auf eine erfolgreiche Ansiedlung größerer Massen in diesem Lande, das nur „Stein statt Brot" gebe, geleugnet wird, wenn das Wort von dem Lande, darinnen Milch und Hönig fließt, als eine Uebertreibung der orientalischen Phantasie hinbestellt wird. Woher-diese oft wiederkehrenden Ansichten? Es ist lohnend, dieser Erscheinung nachzugehen und ihre mannigfachen Wurzeln aufzusuchen. Zunächst müssen wir mit allerlei, zum Teil sehr naheliegenden Allgemeinheiten, ja sogar mit Aeußerlichkeiten beginnen, die manchem wohl geringfügig und nebensächlich erscheinen mögen, in Wirklichkeit aber auf das Gesamturteil der Reisenden über Palästina mehr oder weniger von Einfluß sind. Denn sie schaffen die grundlegende Stimmung, aus der das Urteil fließt. Viele stehen dem Lande von vornherein mit einer gewissen halb unbewußten Antipathie gegenüber, die sich bei dennoch bestehendem Interesse für das Land bis zu einer Art Feindseligkeit steigern kann. Auch bei Juden trifft man oft derartige Empfindungen an. Sie sind mit einer überhebenden Verachtung gegenüber der "alten, überwundenen Zeit, die sich hier in hundert Farben widerspiegelt, gepaart und werden zumeist durch Beobachtung der auf niederer Stufe stehenden Bevölkerung noch verstärkt. Wo derartige Empfindungen, wenn auch im Unterbewußtsein, das Urteil beeinflussen, beziehen sie sich zum nicht geringen Teile auf die 115