Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 5 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdisches Lehrerseminar
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der bereits als Lamdan und freisinniger Schriftsteller von Russland herüberkam, eine der markantesten Persönlichkeiten im öffentlichen Leben Jerusalems, wo er schon 26 Jahre wohnt, an dessen rapider Entwicklung" er selbst hervorragenden Anteil hat. Pinnes ist eine merkwürdig vielseitige Natur, vielseitig in seiner Bildung und vielseitig in seinem Schaffen. Bald schreibt er eine halachische Abhandlung, bald ist er journalistischer Tagesschriftsteller. Um seinen Freund Herzberg von der allgemeinen Verwendbarkeit der hebräischen Sprache zu überzeugen, schreibt er ein Lehrbuch der elementaren Physik in dem Stile des Chumesch, eine der geistreichsten literarischen Spielereien, die (mir bekannt sind; und um dem Verlag Tuschiah Bücher zu liefern, bearbeitet er selbständig englische Romane in hebräischer Sprache. Er hat eine ungeheure Belesenheit in den auseinanderliegendsten Gebieten, die sich aber in seinem Kopfe zu einer eigenartigen Harmonie verschmilzt. Er war bereits Grosskaufmann und Administrator der Kolonie Katrah im Auftrage der Chowewe-Zion; heute sitzt er in allen möglichen Verwaltungskörperschaften Jerusalems. Originell Siind alle seine Gedanken, originell ist auch sein Stil. Er ist besonders glücklich in der Prägung neuer Termini, wozu ihm seine umfassenden Kenntnisse des talmudisch-rabbinischen Schrifttums die nötigen Anknüpfungen geben. Für den mathematischen und physikalischen Unterricht lieferte er in erster Linie die erforderlichen Neubildungen technischer Ausdrücke. In seiner Vielseitigkeit liegt auch die Kraft und Würze seines Talmudunterrichtes, dem er durch eine Fülle von philosophischen, archäologischen und technischen Kenntnissen Leben einzuhauchen weiss, was ich selbst, als sein Privatschüler, mit Genuss kennen lernen durfte. Mathematik und Physik sind durch Herrn Dr. Rotenberg vertreten, der in München mit einer Preisarbeit aus der Geschichte der Mathematik promovierte und am Augsburger Realgymnasium bereits ein Jahr tätig war. Für den deutschen Unterricht konnte der Hilfsverein keinen geeigneten Lehrer in Deutschland finden; der frühere Universitätslehrer Dr. Benzinger übernahm denselben provisorisch. Man sieht; es sind die verschiedenen Disziplinen von Fachmännern vertreten; es ist ein Kollegium, in dem jeder seinen Mann stellt. Wer steht nun an seiner Spitze? Herr Direktor Ephraim Cohn ist in der jüdischen Welt kein Unbekannter. Cohn ist in Jerusalem geboren. Schon früh kam er nach Deutschland, zuerst war er Schüler des Oberrabbiners Dr. Löb in Altona. Die Präparandie in Höchberg und das Lehrerseminar zu Hannover gaben ihm seine pädagogische Bildung. 68