Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 453 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das erste Faktum, das uns bei einer Analyse des Materials auffällt, ist, daß weitaus die meisten jugendlichen Delinquenten aus den orientalischen Edoth stammen. Die Aschkenasen, deren Anteil an der jüdischen Bevölkerung Jerusalems zirka 50% ausmacht, sind unter den Delinquenten nur mit 16% zu finden, zum großen Teil bei unwesentlichen Vergehen, viel weniger bei Eigentumsvergehen als bei anderen (politischen, sexuellen Vergehen und Übertretungen), und fast nie in Gruppenvergehen. Genau das Gegenteil gilt für die Jugendlichen der orientalischen Edoth: selbst im günstigsten Fall entsprechen ihre Anteile an der Zahl der Delinquenten ungefähr ihren Anteilen an der Bevölkerungszahl und sind sie an den schweren Vergehen im gleichen Verhältnis wie an den unwesentlichen beteiligt. Betrachten wir jedoch die beiden meist gefährdeten Edoth, die Jemeniten und die Marokkaner, so finden wir folgende Zahlen: Die Jemeniten machen zirka 9% der jüdischen Bevölkerung Jerusalems aus — ihr Anteil an den Delikten beträgt 12%, ihr Anteil an den schweren Delikten 14 bis 17%. Die Marokkaner machen zirka 3% der jüdischen Bevölkerung Jerusalems aus. — ihr Anteil an den Delikten beträgt 19%, ihr Anteil an den schweren Delikten 27 bis 30%. Entsprechende Feststellungen können in Tel Aviv und in Haifa gemacht werden. Besonders symptomatisch für die seelische Situation der orientalischen Jugendlichen ist die Tatsache, daß sie in überdurchschnittlicher Zahl bei den Gruppenvergehen und vor allem bei den Eigentumsvergehen zu finden sind. Daraus können wir die beiden ätiologischen Hauptfaktoren der Verwahrlosung orientalischer Jugendlicher ersehen: erstens die pädagogische und soziale Vernachlässigung durch die Familie und zweitens die Diskrepanz zwischen der primitiven Vergangenheit dieser Jugendlichen und der zivilisatorischen Entwicklung des modernen Palästina, an der sie nicht organisch Anteil nehmen können. Die Bedeutung dieser Faktoren kann durch verschiedene Beobachtungen bewiesen werden: die gestohlenen Gegenstände haben meist einen lächerlich geringen Wert. In 150 Fällen von Einzel- und Gruppendiebstählen und Einbrüchen (mit insgesamt 200 Beteiligten) wurden Gegenstände und Gelder im Gesamtwert von zirka 120 £P gestohlen. Immer wieder können wir feststellen, daß die orientalischen Kinder und Jugendlichen, wenn sie stehlen, nicht so sehr durch den materiellen Wert des Gegenstandes verführt werden, wie durch den Reiz, den ein ihnen bisher unbekanntes zivilisatorisches Gut auf ihre primitive Emotionalität und Mentalität ausübt. S>ie wollen auch »teilhaben« an den Wundern der importierten Zivilisation, von der sie in einem uns nur schwer verständlichen Maße bezaubert sind. Wenn dagegen aschkenasische Jugendliche stehlen, wissen sie, was sie tun: sie stehlen materielle Werte und nicht »Reize« 7. Hier rächt sich die sprunghafte unorganische Entwicklung der orientalischen Juden. Jahrhunderte können nicht übersprungen werden! Für die junge Generation, die durch Schule, Straße und Arbeit mit einer anderen Jugend zusammenkommt, ergibt sich aus der erfahrbaren und erlebten Diskrepanz eine Spannung, und eine innere Unruhe, die zu Verwahrlosung und Delinquenz fuhren können. Die Familie stellt nicht mehr jene Einheit dar, als die sie früheren Generationen Halt gegeben und Richtung gewiesen hatte. Die Kluft zwischen der alten und der 7 Ein typisches Beispiel: es ist eine Reihe von Fällen vorgekommen, indenen orientalische Kinder Fahrräder von der Straße genommen haben, nur weil sie der Versuchung, einmal »eine Tour zu machen«, nicht widerstehen konnten. — Wenn dagegen aschkenasische Kinder ein Fahrrad stehlen, so stehlen sie es wirklich und versuchen, es zu Geld zu machen.