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Palästina · 1937-08-01 · Heft 8-9 (August 1937) · p. Seite 452

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
20 (1937)
Issue
Heft 8-9 (August 1937)
Article
Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
Date
1937-08-01
Page
Seite 452 (sequence 16)
Language
German
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Was wir oben über die Ursachen des Zurückbleibens der Kinder in der Schule und zur Erklärung des Prozentsatzes der nicht in Schulen erfaßten gesagt haben, läßt sich natürlich auch — und ganz besonders — zur Erklärung des Analphabetentums heranziehen. Es braucht auch nicht noch einmal hervorgehoben zu werden; daß die Kinder von Einwanderern unter den Analphabeten in größerer Zahl zu finden sind; besonders bei kurdischen, in zweiter Linie bei persischen Einwanderern. Dagegen verdient hier eine andere Tatsache Erwähnung: von den Analphabeten, die wir in unserer Untersuchung gefunden haben, sind 70% der Knaben und 80% der Mädchen die ältesten im Hause ihrer Eltern lebenden Söhne und Töchter. Daraus geht deutlich hervor, daß die ältesten Kinder bei den orientalischen Juden ganz besonders .stark gefährdet sind. — Man kann eine ähnliche Feststellung machen, wenn man das Material der jugendlichen Verwahrlosten und Delinquenten analysiert: im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen gerade die mittleren Kinder der Gefahr der Verwahrlosung besonders stark ausgesetzt sind, finden wir in Palästina und vor allem bei den Orientalen, daß die meisten Verwahrlosten die Ältesten in der Geschwisterreihe sind. Diese Tatsache scheint in Widerspruch zu der traditionellen Wertschätzung des Erstgeborenen bei den Juden zu stehen. Aber wenn wir an das Obengesagte denken, löst sich der scheinbare Widerspruch auf: während es in früheren Generationen für den Erstgeborenen wirklich eine Auszeichnung und eine Vorrangstellung war, wenn er frühzeitig zum »Helfer des Vaters« erhoben wurde, bedeutet dies heutzutage das Gegenteil; wird er ohne entsprechende Vorbereitung und Erziehung ins Berufsleben gestoßen, so muß er dies als Benachteiligung statt als Auszeichnung empfinden, zumal da er sieht, daß den europäischen Altersgenossen in seiner Umgebung eine gründlichere Erziehung zuteil wird; er gerät infolgedessen in Opposition gegen den Vater und gegen das Elternhaus, protestiert gegen die vorzeitige Belastung, isoliert sich von der Familie, weigert sich, »erwachsen« zu sein. Wenn wir daran denken, daß jede Verwahrlosung eine Entwicklungshemmung auf dem Wege zur Realitätsanpassung ist, so werden wir verstehen, warum gerade diese Kinder der Gefähr der Verwahrlosung besonders stark ausgesetzt sind; der Wunsch, noch Kind zu bleiben, noch nicht sozial vollwertiger Erwachsener zu sein, manifestiert sich in einer Regression zu Frühstadien der Entwicklung, in denen das Lustprinzip, das heißt das Prinzip der hemmungslosen Befriedigung der Triebwünsche herrscht — der Jugendliche verwahrlost. Hier ist der Ort, auf das Problem der Jugendverwahrlosung in kurzen Zügen einzugehen. Leider steht für diesen Problemkreis noch weniger wissenschaftlich bearbeitetes Material zur Verfügung als für andere Fragen. Vor ailem ist zu bedauern, daß bisher die Probleme der verwahrlosten orientalischen Mädchen überhaupt noch nicht bearbeitet worden sind'. Man weiß, daß gerade in letzter Zeit, im Zusammenhang mit der Vermehrung der englischen Garnisonen in Palästina, die Zahl der Prostituierten stark gestiegen ist. Man weiß, daß die orientalischen Edoth das größte Kontingent -auch der verwahrlosten Mädchen stellen, daß besonders die marokkanischen, in zweiter Linie die jemenitischen Mädchen gefährdet sind. Aber genaue Unterlagen, die eine Bearbeitung des Problemkreises gestatten würden, fehlen. Wir müssen uns daher hier auf einige Bemerkungen über die Ursachen der Verwahrlosung der Knaben beschränken, gestützt vor allem auf das Material der jugendlichen Delinquenten, die im Verlauf von vier Jahren (1932 bis 1936) in- Jerusalem vor den Jugendrichter gebracht worden sind, und über deren familiäre und individuelle »Geschichte« Berichte ausgearbeitet worden sind (286 Fälle).

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