Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 454 (sequence 18)
- Language
- German
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jungen Generation vertieft sich in dem Maße, wie die Jungen mit der andersartigen Umwelt Kontakt finden. Auch das religiöse Problem spielt hierbei eine Rolle. Besonders zahlreich sind die Fälle, in denen der Jugendliche steh von den orthodoxen Anschauungen seines Vaters fortentwickelt hat, sich daher in der Familie als Fremdkörper empfindet und in Opposition gerät. Aber er ist nicht vorbereitet, isoliert zu leben, sich zu behaupten. Er flieht auf die Straße, weil er die Enge des Elternhauses nicht aushält, und weil er gegen den erfahrbaren und erfahrenen Mangel an Fürsorge und Vorbereitung protestieren will. Aber »draußen« findet er sich nicht zurecht, verliert sich in den komplizierten Wirrwarr einer zivilisatorischen Wirklichkeit, für die er nicht vorbereitet ist. Es sei gestattet, einige Zahlen zu erwähnen, um das Gesagte zu unterstreichen: Wie in allen Ländern ist auch in Palästina das Gros der jugendlichen Delinquenten im Alter zwischen 12 und 16 Jahren zu finden. Es ist die Zeit der Pubertät mit ihren persönlichen Konflikten und der problematischen Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. Es ist die Zeit, in der die meisten Jugendlichen die Schule verlassen und zu arbeiten anfangen. Aber während wir den größten Prozentsatz (45%) aschkenasischer Delinquenten im Alter zwischen 14 und 16 Jahren finden, liegt der Höhepunkt der Za'hlenkurve bei den Orientalen in der Altersstufe 12 bis 14. Diese Differenz spiegelt die pädagogische Vernachlässigung genau wieder: die orientalischen Kinder werden mindestens zwei Jahre früher ins Berufsleben hinausgeschickt als die aschkenasischen, und' das Maß ihrer Vorbereitung ist entsprechend geringer. Ein anderes Faktum: Wir haben unter den Jerusalemer jugendlichen Delinquenten nicht weniger als 56% Analphabeten gefunden. Sie hatten zwar alle einmal einen Cheder oder eine Schule besucht, aber niemals länger als drei Jahre und — in der Volksschule — niemals über die zweite Klasse hinaus. Auf andere Fragen, wie z. B. auf die Rolle des geistigen Defekts in der Ätiologie der JugendVerwahrlosung oder auf den Einfluß gestörter Familienbeziehungen auf die Fehlentwicklung des Kindes 8 wollen wir hier nicht weiter eingehen. Erwähnt sei lediglich, daß diese Faktoren gerade bei den orientalischen Juden Palästinas eine wichtige Rolle spielen. Wir haben unsere Übersicht beendet. Viele Fragen konnten nur oberflächlich behandelt werden, weil das zur Verfügung stehende Material beschränkt ist. Trotzdem genügt das Gesagte, die Richtigkeit unserer Ausgangsthese zu beweisen: daß der soziale Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Palästinia solange in Frage gestellt sein wird, wie wir fortfahren, die orientalischen Schichten der Bevölkerung zu vernachlässigen. Vor uns liegen zahlreiche und schwer zu bewältigende Aufgaben sozialer und pädagogischer Therapie. Verschließen wir uns der Einsicht in die Lebensnotwendigkeit solcher therapeutischer Maßnahmen, so werden sich unsere Kurzsichtigkeit und die Trägheit unseres Herzens bitter rächen. Arbeiten wir jedoch daran, nachzuholen, was wir bisher versäumt haben, so werden gerade aus den Reihen der primitiven Orientalen neue Kraftströme geweckt und für den Aufbau nutzbar gemacht werden können. 8 Besonders kraß ist das Beispiel der Marokkaner, die, wie wir bereits mehrfach erwähnt haben, mehr als alle anderen orientalischen Edoth sozial gefährdet, verwahrlost und zerfallen sind. Wer Gelegenheit gehabt hat, das Leben der Marokkaner in Palästina näher kennen zu lernen, weiß, daß gerade bei ihnen die Einheit der Familie in erschreckendem Maße zerstört ist.