Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 451 (sequence 15)
- Language
- German
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5. Klasse oder den Cheder nach 6 bis 9jährigem Besuch. Besonders hoch ist die Zahl der Jugendlichen mit abgeschlossener oder jedenfalls überdurchschnittlicher Schulbildung bei den Bucharen, besonders niedrig bei den Kurden. Ebenso wichtig wie die Frage, welchen Bildungsgrad die Schulentlassenen erreicht haben, oder Vielleicht noch wichtiger ist die Frage, in welchem Alter sie die Schule verlassen. Denn die Berufs- und Lebensreife des Jugendlichen hängt ja nur zum Teil von seiner intellektuellen Vorbereitung, zum größeren Teil aber von der Geformtheit seines Charakters ab. Und wenn aucji die körperliche und — mit ihr verbunden —, die emotionale Reife bei orientalischen Jugendlichen früher vollendet ist als bei europäischen, darf uns das dodh nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Reife und Formung des Charakters bei ihnen langsamer vollzieht als bei Europäern, ebenso langsam wie sieh "ihr Selbstbewußtsein entwickelt. Werden sie also frühzeitig zur Verantwortung und zur Selbständigkeit gezwungen, so sind sie der Gefahr einer »Unterernährung des Charakters«, einer Fehlentwicklung, einer regressiven Entwicklung ausgesetzt. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist es beunruhigend zu se'hen, daß ein großer Teil der Jugendlichen (31% der schulentlassenen Knaben und 49% der Mädc'hen) bereits vor dem 13. Jähr die Schule verlassen haben. Auch diejenigen, die mit dem 13. Jahr »ins Leben entlassen« werden (37% der Knaben und 20% der Mädchen, sind charakterlich ungenügend vorbereitet. Nur ein Drittel (32% der Knaben und 31% der Mädchen) haben die Schule nach dem 13. Jahr verlassen. Am besten ist hier die Lage der jugendlichen Bucharen, am schlechtesten die der Kurden (nur 15% der kurdischen Schüler bleiben länger als bis zum 13. Jahr in der Schule!). Bei den Sepharden und in zweiter Linie bei den Jemeniten ist die Gruppe derer, die mit dem 13. Jahr die Schule verlassen, am stärksten. Bei den Persern sind beide Extreme entwickelt. Daß die Mädchen im allgemeinen die Schule früher verlassen, ist verständlich, wenn wir daran denken, daß die Mädchen der orientalischen Edoth oft die Stelle der arbeitenden Mutter im Hause vertreten, daß ihnen die Fürsorge für die jüngeren Geschwister obliegt, und daß sich die Einsicht in den Wert des Mäd'chenunterrichts bei den Orientalen noch keineswegs durchgesetzt hat. Es bedarf einer allmählichen Durchdringung der primitiven Mentalität mit dem Geist einer entwickelteren Kultur, das jahrhundertealte Vorurteil zu zerstören. Nach dem bisher Gesagten wird es uns nicht mehr überraschen zu hören, daß die Zahl der Analphabeten unter den orientalischen Jugendlichen recht beträchtlich ist: von zirka 2100 über neun Jahre alten Jugendlichen sind nicht weniger als 29% (und zwar 21% der Knaben und 38% der Mädchen) als Analphabeten zu bezeichnen. Die meisten unter ihnen haben niemals in einer Schule gelernt, ein kleiner Teil hat ein Cheder, eine Talmud Thora-Sc'hule, eine Missionsschule, eine Schule im Ausland nicht länger als drei Jahre besucht, ein dritter Teil hat die hebräische Volksschule in der ersten oder aus der zweiten Klasse verlassen. Alle diese Jugendlichen können weder lesen noch schreiben. Ihre Zahl ist ohne Zweifel noch größer, weil auch ein etwas längerer Besuch eines mehr oder weniger primitiven Cheders oder einer Schule nicht ausreicht, Kenntnisse zu vermitteln, die sich außerhalb der Schule erhalten oder gar vertiefen lassen. Unter den jemenitischen Knaben gibt es fast keine Analphabeten, bei Sepharden und Marokkanern ist die Zahl der Analphabeten unterdurchschnittlich, während wir bei den Kurden nicht weniger als 41% der Knaben und 70% der Mädchen als Analphabeten gefunden haben.