Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
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lichkeiten der jungen Generation sind abhängig von der wirtschaftlichen Situation der Väter und1 ihrem beruflichen Niveau. Je differenzierter die Funktion ist, die der Vater in seinem Beruf erfüllen kann, umso entwickelter pflegt seine Fähigkeit zu sein, den Wert einer echten und gründlichen Berufssdhulüng einzusehen, und um so mehr wird er sich bemühen, seinem Sohn eine solche Ausbildung zu<teil werden zu lassen. Freilich sind1 der Möglichkeit, Einsicht und Willen in die Tat umzusetzen, meist beengende Schranken gesetzt: die Not zwingt viele Eltern, eine begonnene oder sogar fast beendete Berufsschuiung ihrer Sohne abzubrechen, und nicht selten finden wir Jugendliche, die nach halbbeendeter Ausbildung allmählich auf die Stufe des ungelernten Arbeiters herabsinken. Hier spielt ein psychologisches Moment eine wichtige Rolle: die Enttäuschung treibt den Jugendlichen in Opposition, in Ressentiments oder in Passivität, seelische Zustände, in denen die Elastizität und Spannkraft schnell nachlassen, so daß die Leistungsfähigkeit dieser jungen Menschen geringer ist als die ihrer Kameraden, die niemals die Möglichkeit einer höheren beruflichen Funktion vor Augen gehabt Ilaben. Aber diese Fälle sind selten, weil die meisten Jugendlichen gar nicht erst die Möglichkeit kennen lernen, sich beruflich zu differenzieren. Von etwa 700 in berufsfähigem Alter stehenden männlichen Jugendlichen, die wir untersucht haben, waren 25% berufs- und arbeitslos zu Hause; vor allem jüngere, die vorzeitig aus der Schule genommen waren, damit sie Geld verdienten, jedoch infolge ihrer mangelnden Vorbereitung keine oder nur gelegentliche Arbeit fanden. Von ihnen treiben sich viele auf der Straße herum, gelegentlich verdienen sie ein paar Piaster als Lastträger, Schuhputzer, Zeitungsverkäufer oder ähnliches, meist aber suchen sie in der Gesellschaft von Leidensgenossen eine Ersatzbefriedigüng für die ihnen versagten Freuden einer normalen sozialen Existenz und investieren ihre ungebundenen Energien in antisozialen oder asozialen Aktionen. Etwa 30% der Jugendlichen sind ungelernte Arbeiter, und ungefähr ebenso viele Handwerker. Vergleichen wir diese Zahlen mit den entsprechenden Zahlen in der Berufsstruktür der Vätergeneration (44% und 19%), so vermeinen wir einen Fortschritt zu sehen. Aber dieser Fortschritt ist nur scheinbar: je älter die Jugendlichen werden, um so mehr »kehren sie zurück« zu dem favorisierten Beruf des ungelernten Arbeiters! Ja viele Eltern betrachten eine handwerkliche Lehre, vor allem die Tischlerei gar nicht ernsthaft als Vorbereitung für den Beruf des Handwerkers, sondern vielmehr als Ausfüllung einer Übergangszeit; für die Schule ist der Jugendliche »zu alt«, beim Tischlermeister braucht er kein Lehrgeld zu zahlen, im Gegenteil: er verdient bald eine Kleinigkeit, und inzwischen wird er größer und stärker — um dann im Beruf des Vaters zu landen, im Beruf des ungelernten Arbeiters. (Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings darin zu sehen, daß die jüngeren Arbeiter in stärkerem Maße als ihre Väter beruflich organisiert sind.) Höher als in der Vätergeneration ist bei den Söhnen der Prozentsatz der Angestellten (10%), von denen allerdings mehr als die Hälfte in untergeordneten Büro¬ oder Ladenstelinngen als Helfer tätig sind. Der Beruf des Gehilfen ist für die Jugendlichen ein Verlegenheitsberuf: er erfordert keine Vorbildung oder Vorbereitung, bringt schnell Geld ein und führt in den meisten Fällen nach einiger Zeit — zum Beruf des ungelernten Arbeiters. Nur in Ausnahmefällen kann sich der Jugendliche, wenn er besonders begabt ist, zum Ladenverkäufer oder Büroangestellten »emporarbeiten«. Händler sind unter den Jugendlichen natürlich nur in geringer Zahl zu finden (5%), vor allem Markthändler und herumziehende Verkäufer.