Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1937-08-01 · Heft 8-9 (August 1937) · p. Seite 441

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
20 (1937)
Issue
Heft 8-9 (August 1937)
Article
Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
Date
1937-08-01
Page
Seite 441 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2379786-2379953-2379962-2412041--25727-2412291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kellerraum! Und solche Fälle sind keineswegs selten. Die notwendige Folge dieser Wohnverhältnisse ist, daß Kinder, vor allem Söhne, aus der Enge des Elternhauses auf die Straße fliehen, daß sie vorziehen, obdachlos herumzuwandern und sich einer Gruppe von Leidensgenossen anschließen, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Eine Untersuchung, in der in Jerusalem 1540 orientalische Familien mit Kindern erfaßt wurden, ergab, daß 81% der Familien in einem Raum leben, und daß die Durchschnittszahl der in einem Zimmer lebenden Personen 4,5 beträgt. Die Enge der Wdhnverhältnisse kann als Maßstab für die Primitivität der Edah angesehen werden: für Bucharen und Sepharden ist die Durchschnittszahl günstiger, für Kurden ungünstiger. (Unter den untersuchten kurdischen Familien leben nur 2% in mehr als einem Raum.) Bei den aus Europa eingewanderten Juden und selbst in den armen Schichten ist die durchschnittliche Zahl der in einem Zimmer lebenden Personen wesentlich geringer, sowohl weil ihre zivilisatorischen Ansprüche höher sind, als auch weil ihre durchschnittliche Kinderzahl kleiner ist. Damit kommen wir zu einer bevölkerungspolitisch außerordentlich bedeutsamen Frage: zur Frage des Kinderreichtums der Orientalen. Die durchschnittliche Zahl der in ihren Familien lebenden Kinder, die in der Enquete errechnet wurde, ist 3,4. Genaue Untersuchungen über die Gesamtzahl der Kinder liegen nicht vor. Um die individuelle Situation der Kinder zu beurteilen und zu verstehen, welches Maß an pädagogischer Fürsorge auf das einzelne Kind 'bei so großer Kinderzahl entfällt, ist auch die Zahl der in den Familien lebenden Kinder aufschlußreicher als die Gesamtzahl der Kinder, die zu kennen für bevölkerungspolitische Überlegungen wichtig wäre. Es ist bekannt, daß die moslemischen Araber Palästinas die größte Geburtenzahl unter allen Völkern der Erde haben. Und wenn auch die Sterblichkeit bei ihnen noch immer erheblich ist, so ist doch der Nettoüberschuß so groß (und wird infolge der Bemühungen der Mandatarmacht um Verbesserung der hygienischen Bedingungen noch größer), daß wir vor den Konsequenzen dieser Tatsache nicht die Augen schließen dürfen. Auch die europäischen Juden haben in Palästina durchschnittlich eine größere Kinderzahl als in ihren Herkunftsländern. Aber absolut genommen ist diese Durchschnittszahl nur in orthodoxen Schichten hoch, bei den Nichtorthodoxen kann auch Palästina das Prinzip der Geburtenbeschränkung nicht durchbrechen. Die orientalischen Juden dagegen können wenigstens annähernd mit der arabischen Bevölkerung verglichen werden, ihre Kinderzahl ist erheblich größer als die der europäischen Juden. Daraus folgt, daß diesen Schichten eine bevölkerungspolitische Bedeutung ersten Ranges zukommt. Unter einer Voraussetzung allerdings: unter der Voraussetzung, daß die Kinder erzogen werden. Statistische Feststellungen sind wichtig, das kann nicht bestritten werden; sie erlauben uns, einen Zustand zu erkennen. Aber solange wir nicht die Konsequenzen aus statistischen Feststellungen ziehen, solange wir, um von unserem Problem zu sprechen, die Schichten pädagogisch vernachlässigen, die gerade durch ihren Kinderreichtum eine wichtige Funktion für den Aufbau der jüdischen Gemeinschaft in Palästina zu spielen bestimmt sind, solange ist alle Statistik sinnlos. Bisher sehen wir nur die negativen Konsequenzen des Kinderreichtums der orientalischen Familien, die Vernachlässigung und Verwahrlosung jedes einzelnen Kindes. Man kann sagen, daß die pädagogische Fürsorge, die ein Kind in Palästina erhält, in umgekehrtem Verhältnis zur Zahl seiner Geschwister steht2. Ein Zustand, der nur 2 Anmerkungsweise sei bereits hier darauf hingewiesen, daß die Zahl der in ihren Familien lebenden Kinder bei Familien jugendlicher Delinquenten, die in Jerusalem im Verlauf von vier Jahren untersucht wurden, fünf ist. Ein deutlicher Beweis für das Obengesaqte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.