Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
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Es ist evident, daß sich der niedrige Kulturzustand der Eltern auf die geistige Entwicklung der Kinder negativ auswirken muß. Sie sind ja nicht in der für Europäer selbstverständlichen und durch Generationen hindurch gezüchteten Wertschätzung der Bildung aufgewachsen, verstehen also auch nicht die Notwendigkeit und die pädagogische Funktion eines geordneten Schulbesuchs und eines kontinuierlichen Lernens. Die Folge davon ist, daß auch die Kinder nur eine äußerst mangelhafte Ausbildung erhalten. Wir werden auf diese Frage zurückkommen und sie ausführlich behandeln. - Gehen wir jetzt zur Betrachtung der sozialen und wirtschaftlichen Situation der orientalischen Juden über. Ihre Wohnviertel in den Städten Palästinas sind fast identisch mit den Slums. Wer mit offenen Augen durch eine Stadt wie Jerusalem geht, kennt die Elendsviertel mit ihren primitiven, oft halbverfallenen Häusern, mit ihren unwegbaren Straßen, in denen sich die Abwrässer sammeln, und die sich in der Regenzeit in Schlamm und Morast auflösen, mit ihrer Luft- und Lichtlosigkeit, mit dem fürchterlichen Gestank, verursacht durch die mangelhafte Kanalisation. Und zwischen Gerumpel, Steinen und Schmutz spielen vernachlässigte Kinder. Die Luft ist erfüllt von wilden Auseinandersetzungen der Erwachsenen, und die Kinder sind fast stündlich Zeugen dieser Streitigkeiten und lernen frühzeitig, sie als selbstverständlich anzusehen und nachzuahmen. Oft wohnen die Familien in notdürftig zusammengebauten Holz- und Blechbaracken, die der Regen und der Wind zerstören, kaum daß sie errichtet sind. Ebenso verwahrlost und primitiv wie das Äußere ist das Innere der Häuser. Die Enge der Wohnverhältnisse ist kaum zu beschreiben. Zehnköpfige Familien wohnen in einem einzigen kleinen, dunklen Raum zusammengepfercht, schlafen auf dem Fußboden, auf Matten, auf Lumpen oder zu Dreien in einem Bett.- Oft sind die Wände naß und schimmelig, die Ausdünstungen finden keinen Weg ins Freie. Licht dringt in diese Höhlen kaum herein. Das Klosett wird von mehreren Familien zusammen benützt und steht meistens unverschlossen zwischen den Wohnungen. Tiere werden in einem an das Zimmer grenzenden Verschlag oder gar im Zimmer gehalten. Und in diesem Chaos von Schmutz, Gerumpel, Kindern, Tieren bereiten die Frauen das Essen. Trink- und Waschwasser muß entweder aus dem Brunnen geschöpft oder gekauft werden. Es versteht sich, daß dieser Schatz nicht verschwendet werden darf! Aber wenn auch mehr Wasser zur Verfügung stände, wüßten nur die Wenigsten davon Gebrauch zu machen. Gewiß — es lassen sich typische Unterschiede zwischen den Edoth feststellen. Die Reinlichkeit der Sepharddnnen und der Jemenitinnen ist berühmt; sie sind immer bemüht, ihre Wohnungen so sauber und ordentlich wie möglich zu halten, auch wenn sie in ärgster Notlage leben. Dagegen vernachlässigen die Kurdinnen ihre Wohnungen, auch wenn sie über ausreichende Mittel verfügen. Ja sie begnügen sich mit einem engen, überfüllten Raum, selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, drei Räume zu bewohnen. Der äußere Eindruck, den man bei flüchtigem Besuch einer orientalischen Familie erhält, läßt also nicht immer richtige Schlüsse auf die wirtschaftliche Lage zu. Gelegendidh findet man auch ein Viertel, das als Ganzes in einem besseren Zustand ist (wie etwa das bucharische Viertel in Jerusalem). Aber das sind seltene Ausnahmen, durch die das Gesamtbild nicht verändert wird. Ich habe in der Jerusalemer Altstadt eine kurdische Familie gefunden: der Mann, seine erste — geisteskranke — Frau, die von Zeit zu Zeit Tobsuchtsanfälle bekommt seine zweite viel jüngere Frau, zwei halberwachsene Söhne aus der ersten und drei kleine Kinder aus der zweiten Ehe, sie alle zusammen in einem dunklen dumpfen