Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
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(Perser, Kurden, Babylonier, Urfaler untereinander, Marokkaner und Sepharden untereinander), das heißt vor allem zwischen Menschen gleichen kulturellen Niveaus, oder zwischen solchen, die sich zum mindesten als auf gleichem Niveau stehend betrachten (Bucharen, Jemeniten, Sepharden). Es läßt sich so etwas wie eine »Wertskala der Edoth« feststellen. Gehört die Frau einer »niedrigeren« Edah an, so wird sie dies nur ungern zugeben, gehört sie einer »höheren« Edah an, so wird sie nie verfehlen, dies sofort zu betonen. Europäische und orientalische Juden verheiraten sich nur selten miteinander. Hier öffnet sich vor unseren Augen ein Gebiet voll psychologischer Probleme, auf die wir im Rahmen dieses Aufsatzes leider nicht eingehen können. Noch bedeutsamer ist das zweite Problem, das der Sprache. Es gibt ganze Wohnviertel, in denen man kaum ein hebräisches Wort hören kann. Die Frauen der orientalischen Edoth sprechen nur in Ausnahmefällen Hebräisch. So kommt es. daß die Sprache des Hauses meist die Sprache des Herkunftslandes ist, selbst in Familien, die schon jahrzehntelang in Palästina ansässig oder gar in Palästina geboren sind. Ganz besonders auffällig ist der Mangel an Kenntnis des Hebräischen bei kulturell bereits entwickelteren sephardischen Frauen! Sie sprechen Spaniolisch, Arabisch, Französisch, ja oft auch Jiddisch — aber nicht Hebräisch. Auf der anderen Seite stehen die Jemenitinnen, die fast alle Hebräisch wenigstens als »zweite Sprache« sprechen. Überblickt man die nicht-europäischen Juden als Gesamtheit, so kann man sagen, daß, wenn auch die jüngere Generation, die durch die hebräische Schule geht, immer mehr für die hebräische Sprache »erobert« wird, das Arabische heute noch eine weit größere Rolle spielt als das Hebräische. Während bei den orthodoxen Aschkenasen die Ablehnung des Hebräischen als weltlicher Sprache religiöse Gründe hat, ist die geringe Verbreitung des Hebräischen unter den orientalischen Juden symptomatisch für den Mangel an Assimilation an die werdende jüdische Volkseinheit oder — anders ausgedrückt — für die vom zionistischen Standpunkt aus betrachtet, gefährliche arabische Assimilation dieser Schichten. Seitdem Palästina eine Radiostation hat, kann man sich von dem Umfang dieser Assimilation täglich überzeugen, indem man zur Zeit der arabischen Sendungen durch eines dieser Viertel der orientalischen Juden geht: man hört, wo immer ein Lautsprecher in Betrieb ist, nichts als arabische Musik oder arabische Vorträge. Sobald ein hebräischer Vortrag beginnt, wird der Apparat abgestellt! Dieser Zustand kann nur geändert werden, wenn die Kinder immer mehr in hebräischen Kindergärten und Volksschulen erfaßt werden. Wir werden später sehen, daß gerade die Kinder der orientalischen Juden in diesen Schulen bisher nur in sehr unzureichendem Maße erfaßt sind. Hier ist der Ort, wenigstens kurz auf das Kulturniveau der untersuchten Familien einzugehen. Sehen wir von den alteingesessenen sephardischen Familien ab, die oft sehr hoch kultiviert sind, so kann man ohne Übertreibung sagen, daß die Mütter fast ausnahmslos Analphabeten sind. Eine Ausnahme bilden natürlich die jüngeren, bereits in Palästina geborenen Frauen, die eine hebräische Volksschule besucht haben. Aber auch die Bildung der Männer ist sehr dürftig. Von den Jemeniten abgesehen, die fast alle wenigstens den Cheder besucht haben, finden wir Schulbildung bei Männern der älteren Generation nur in einigen marokkanischen und bucharischen Familien. Die anderen und ziemlich ausnahmslos die Kurden (die in jeder Beziehung am tiefsten stehen), sind Analphabeten. Bei den Kurden sind sogar die Männer der jüngeren Generation meistens ohne Schulbildung, während die jüngeren Männer der anderen Edoth zum großen Teil schon eine, wenn auch recht dürftige, Schulbildung genossen haben.