Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
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für die wirtschaftliche* und soziale Struktur des Landes eine Gefahr, solange sie als unassimilierte Fremdkörper unter uns existieren. Sie sind, vom ökonomischen Gesichtspunkt aus beurteilt, unfruchtbar, weil sie nicht als Konsumenten in Frage kommen, solange sie nicht gelernt haben, ihre Bedürfnisse zu erweitern- Sie sind, vom politischen Standpunkt aus beurteilt, eine unbenutzte Kraft, solange sie nicht in die Ein-heitsfront des jüdischen Volkes einbezogen sind. Sie sind, vom sozialen Standpunkt aus betrachtet, eine Belastung, weil sie der Gefahr der Verwahrlosung solange ausgesetzt sind, als sie der modernen Zivilisation und den Gemeinschaftsidealen des modernen Palästina fremd und verständnislos gegenüberstehen. Die Divergenz führt zu unfruchtbaren inneren Spannungen, und diese Spannungen zur Gefahr einer abwegigen Entwicklung. Wir können das Problem am besten an der jüdisch-orientalischen Jugend studieren, die vom Weg zur jüdischen Volkseinheit abgedrängt wird, wenn und solange wir sie vernachlässigen. Die nicht assimilierten primitiven Menschen der jungen Generaton sind1 gezwungen, in einem permanenten Spannungszustand zu leben, wie er durch die dauernd fühlbare Diskrepanz zwischen ihren rationalen und sozialen Fähigkeiten und dem modernen Palästina bedingt ist. Hier liegt, wie wir später beweisen werden, die wichtigste Ursache der Jugendverwahrlosung in Palästina. Diese Verwahrlosung nimmt einen Umfang an, der auch dem verblendetsten Optimisten die Augen öffnen müßte, und der uns alle zwingt, den Kampf gegen die schleichende Krankheit mit aller Kraft aufzunehmen. Es ist die Aufgabe dieses Aufsatzes, zur Aufklärung der Unwissenden beizutragen und eine Mobilisierung aller zur Verfügung stehenden Kräfte vorzubereiten1. Wie in allen Einwanderungsländern können wir auch in Palästina beobachten, daß die Neuankommenden sich da ansiedeln, wo bereits Menschen ihres Herkunftslandes (ihrer Edäh) ansässig sind. So entstanden z. B. in Jerusalem die bucharischen, jemenitischen, kurdischen Viertel. Obwohl sich im Laufe der Zeit auch Einwanderer aus anderen Ländern in diesen Vierteln ansiedeln, bleiben ihr »nationaler« Charakter und vor allem ihr Name bestehen. Dieses Zusammenhalten der Angehörigen einer Edah hat zwar für den Einzelnen gewisse wirtschaftliche Vorteile, aber, von einer höheren Warte aus betrachtet, überwiegen die damit verbundenen Nachteile: der Weg zur wechselseitigen Assimilierung wird erschwert, die Absonderung der Edoth, die für eine Existenz in Palästina sinnlos ist, wird künstlich konserviert, das Hebräische als Einheitssprache setzt sich langsamer durch als notwendig wäre. Damit haben wir zwei Fragen von zentraler Bedeutung berührt; die Frage der Beziehungen zwischen den Edoth und das Sprachproblem. Überall da, wo eine größere Anzahl Menschen des gleichen Herkunftslandes zusammenleben, pflegen sie sich auf sich selbst zu beschränken, isolieren sich gegen die anderen, sind sich selbst genug. Daher ist, wie wir besonders deutlich in Jerusalem sehen können, die Zahl der Ehen zwischen Angehörigen zweier Edoth relativ gering. Ein kurdischer Jude heiratet mit Vorliebe eine Kurdin, ein jemenitischer eine Jemenitin, ein bucharischer eine Bucharin usw. »Mischehen« kommen zwischen Angehörigen zweier »verwandter« Edoth vor 1 Die statistischen Angaben, die im Folgenden gemacht werden, sind den wenigen Enqueten entnommen, die bisher durchgeführt worden sind. In Jerusalem sind gerade in letzter Zeit einige besonders charakteristische Wohnviertel im Auftrag der Sozialen Abteilung des Waad Leumi durchforscht worden. Die statistischen Resultate dieser Enquete hat der Verfasser dieses Aufsatzes in einem ausführlichen Bericht an Frau Szold niedergelegt.