Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1937-08-01 · Heft 8-9 (August 1937) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
20 (1937)
Issue
Heft 8-9 (August 1937)
Article
Die Züricher Tagungen
Date
1937-08-01
Page
Seite 393 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2379786-2379953-2379962-2412034--25665-2412243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^ic Gesetze der Physik und Chemie, die unerbittlich sind. Gegen Naturgesetze läßt sich nicht polemisieren. Unter diesem Gesichtspunkte geraten viele Kongreßreden hart an die Grenze einer Don Quijotesken Lächerlichkeit. Dieser Kongreß war in seinem äußeren Verlauf überhaupt widersinnig organisiert. Er wurde unnötiger Weise viel zu lang ausgedehnt, obwohl die Probleme klar dastanden und auch die Fronten ziemlich bekannt waren. Man hat eine Woche debattiert, das heißt man hat überhaupt nicht »debattiert«, denn einer nach dem andern traten die Redner auf die Tribüne und brachten ihre Meinung vor, ohne auf die Argumente der andern zu achten. Eine sinnvolle Debatte muß zumindest die Möglichkeit einer Überzeugung der Gegenpartei in sich haben. Hier aber stehen alle Meinungen von vornherein fest, und wo etwa noch Schwankungen sein sollten, hilft der Fraktionszwang nach. Dabei sind alle, Argumente längst bekannt, und die Jasager kennen genau so wie die Neinsager alle Unzulänglichkeiten des Teilungsplanes, alle Gefahren, die darin liegen, alle gefühlsmäßigen Widerstände, die für alte Zionisten damit verbunden sind. Aber der Kongreß hat reale Entscheidungen zu treffen, und diese erfolgen in der Außenpolitik aller Staaten und Völker stets auf dem Wege des Kompromisses und nach dem Prinzip des kleineren Übels. Max Brod hat kürzlich einmal die Haltung vieler Leute wie folgt charakterisiert: »Da ich das kleinere Übel nicht will, nehme ich lieber das größere Übel in Kauf«. Das ist ein Standpunkt, der auf dem Kongreß von sehr vielen Rednern, bis weit in die Reihen der Jasager hinein (freilich unbewußt) eingenommen wurde. Man polemisierte nur gegen das kleinere Übel, aber man gab keine Antwort, wenn man nach der Alternative gefragt wurde. Nach den Vorgängen in Palästina, nach dem jetzigen Bevölkerungsverhältnis, nach dem Bericht der Königlichen Kommission, nach der Haltung der englischen Regierung, •gibt es in Palästina heute zwei Möglichkeiten: entweder die Teilung des Landes und Schaffung eines Judenstaates mit einer zuerst kleinen, dann wachsenden jüdischen Mehrheit in einem Teil Palästinas, oder aber ein ungeteiltes Palästina mit arabischer Mehrheit, was bei Beendigung des Mandates, die nicht endlos hinausgeschoben werden kann, zu einem arabischen Staat mit jüdischer Minderheit führen würde, also gerade das, was für die Hauptgruppe der Neinsager das Schreckgespenst ist. Diese Alternative will man nicht sehen, und stellt statt dessen die Fiktion auf, als hätten wir die Wahl zwischen einem Judenstaat in einem Teil Palästinas und einem Judenstaat in ganz Palästina. Die einzigen Konsequenten unter den Neinsagern, die mit der Realität rechnen, sind die kleine Gruppe derer, die wirklich keinen Wert auf einen Judenstaat in irgend einer Form legen, sondern einen binationalen Staat mit arabisch-jüdischer Zusammenarbeit anstreben. Diese Gruppe war auf dem Zionistenkongreß nur schwach vertreten, teilweise durch die Arbeitergruppe »Haschomer Hazair« (die aber durch verschwommene sozialistische Gesichtspunkte die Sache verwirrt), teilweise durch Einzelgänger wie Norman Bentwich. Einen stärkeren Ausdruck fand diese Ansicht in der Tagung des Council der Jewish Agency, wo unter der geistigen Führung von Dr. Magnes die meisten amerikanischen Nichtzionisten, aber auch Nichtzionisten aus anderen Ländern, diesen Standpunkt vertraten. Er ist unseres Erachtens heute völlig theoretisch, da gerade ein solches Programm nur mit gutem Willen beider Völker verwirklicht werden kann, während in Wahrheit, wie der Peel-Bericht richtig feststellt, beide Völker in ihren entscheidenden Schichten diesen W eg ablehne n. In einem anderen Zeitalter als dem des extremen Nationalismus ^'äre dieser Weg gangbar und gewiß der beste, denn er würde Palästina ungeteilt erhalten, ganz abgesehen von den moralischen Ideen; die durch eine solche Zusammenarbeit verwirklicht werden könnten. Aber, wie die Dinge liegen, in unserem Zeitalter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.