Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1937)
- Article
- Bemerkungen über die Notwendigkeit einer rationellen Krisenpolitik
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 291 (sequence 13)
- Language
- German
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stehender nicht verfügen. Zwei Voraussetzungen, von welchen unsere industriefördernde *j Tätigkeit ausgehen muß, können jedoch hier angegeben werden. 1. Wir können nicht auf ausgiebige staatliche Hilfe rechnen, die in Ägypten, der Türkei44 und auch im Iran soviel für die Entwicklung der Industrie getan hat. Wir müssen also solchen Industrien den Vorzug geben, die von der staatlichen Unterstützung am wenigsten abhängig sind. Dies spricht für die Förderung von Exportindustrien, da diese von der Zollpolitik der Regierung verhältnismäßig unabhängig sind. 2. Wir müssen Industrien bevorzugen, die der Psyche des jüdischen Kapitalisten entsprechen. Der jüdische Kapitalist will für seine paar tausend Pfund wenigstens die Illusion haben, daß er ein selbständiger Unternehmer ist. Das bedeutet, daß der Kleinbetrieb, die für uns gegebene Form ist. Die Nachteile des Kleinbetriebes werden durch eine straffe genossenschaftliche Organisation ausgeglichen werden müssen45. Es soll nicht verkannt werden, daß unsere individualistische Grundeinstellung im Gegensatz zur allgemeinen Entwicklungstendenz steht. Dies wird bestimmt die Arbeit nicht erleichtern, aber es macht energisches nationales Experimentieren umso notwendiger. Zum Schluß sei noch an einem Beispiel kurz aufgezeigt, wie sehr die lenkende und helfende Hand der nationalen Fonds nottut. Das Kunstgewerbe hat gute »natürliche« Bedingungen in Palästina. Es ist von den Rohstoffquellen unabhängig. Der Arbeitslohn bildet einen verhältnismäßig großen Teil der Produktionskosten. Die Arbeit erfordert Handfertigkeit und Intelligenz, ist aber nicht schwer, das heißt sie entspricht der Einstellung des jüdischen Arbeiters. Wir besitzen eine eigenartige Arbeitstechnik (die jemenitische) und eine Anzahl von Menschen, die diesen Beruf in Europa mit einem gewissen Erfolg ausgeübt haben. Was vielleicht das Wichtigste ist: die Marke »made in Palestine«, wird, wenn entsprechende Ware auf den Markt gebracht wird, überall, nicht nur auf Juden, einen gewissen Zauber ausüben. Um aber die Ware auf den Weltmarkt zu bringen, müssen geeignete Werkstätten gebaut, zugkräftige Artikel gefunden, ein gewisser Einheitsstil geschaffen werden; die ersten Versuche werden nicht gelingen, anfangs wird ein großer Teil der Ware keine Abnehmer finden, Propaganda und Reklame werden aber die anfängliche Trägheit des Publikums überwinden und ständig das Interesse wachhalten müssen. Das Alles erfordert Geld und eine schwierige organisatorische Arbeit, eine Pionierarbeit, die sich nicht auf anderswo gemachte Erfahrungen stützen kann. Denn Kunstgewerbezentren sind nicht »auf Bestellung« entstanden, sondern haben sich langsam aus der Volkskunst entwickelt und für großzügige Abnehmer, wie Kirche und Fürstenhöfe gearbeitet. Wir müssen ein modernes, sozusagen synthetisches Kunstgewerbe schaffen, wie wir eine synthetische Landwirtschaft geschaffen haben. Man kann natürlich warten, bis ein genialer, national eingestellter Mann sich für die Sache einsetzt. Das kann geschehen, wie es das Beispiel des Hubermannschen Orchesters beweist. Gewöhnlich denken leider geniale Künstler nicht national genug (es fehlen ihnen auch gewöhnlich die organisatorischen Talente), und national eingestellte Künstler — diese Feststellung soll nicht als Undankbarkeit aufgefaßt werden — lassen allzu oft künstlerisches Können vermissen. 44 Vgl. Dr. K. Grunwald: The Industrialisation of the Near East. Pal. Economic Society, Tel Aviv 1934. 45 Es scheint sich schon jetzt im Rahmen des Industriellenverbandes eine solche Zusammenarbeit anzubahnen.